Mittwoch, 15. Januar 2014


21.12.13 (2)

Vor ihm steht ein halbleeres Bierglas, nicht sein erstes heute, sein Atem riecht stark nach Alkohol. Neben dem Bier auf der weißen Tischdecke liegt ein Drehbuch, darauf der Name eines bekannten deutschen Regisseurs. „Hier schau mal!“ er zieht sein Handy raus und zeigt mir Fotos von Vietnam. „Wie Apokalypse Now, wa?“ lacht er. Hinter dem zersprungenen Display sehe ich braunes Wasser und grünen Urwald, dazwischen einen ausgelatschten Holzsteg. „Das war am Mekong. Ich sag dir, Vietnam is echt krass!“ Er zeigt mir noch weitere Bilder: Gesichter, schwimmenden Plastikmüll, Aufnahmen vom Straßenverkehr in Ha Noi.
„Du bist Schauspieler, oder? Ich kenne Dein Gesicht.“ „ Ja, bin ich. Fahr grad zu Dreharbeiten. Das hier ist mein nächster Film“, er hält mir das Drehbuch entgegen. „Der Regisseur ist geisteskrank, ein Geisteskranker, ständig zugekokst und redet nur Müll. Ich frage ihn: wie soll ich die Rolle anlegen? Und er: jajajajaja. ja. Was soll ich damit anfagen? Mann, Alter, echt!“ er nimmt einen weiteren Schluck aus seinem Glas. „Komm, trink einen mit mir. Ich lad dich ein!“

Freitag, 10. Januar 2014


21.12.13

Im Zugrestaurant.
Ich sitze in den typischen roten Sesseln vor einem Kaffee und einem Stück Kuchen. Keiner unterwegs, nur die Kellnerin huscht ab und zu vorbei. Als ich die letzten Krümel in mich reinschiebe und an meinem Kaffee schlürfe fühle ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter. „Du sitzt hier so alleine, setz dich doch zu mir rüber an den Tisch.“ Überrascht drehe ich mich um. Hinter mir steht ein Typ, um die 30. Ich kenne sein Gesicht, aus dem Fernsehen. Er muss Schauspieler sein.
Schon vorhin fiel er mir auf, weil er in den kurzen Haltepausen des Zuges ständig zum Rauchen rausrannte. Jetzt steht er neben mir und zieht eine tiefe Stirnfalte, die charakteristisch, beinahe unverwechselbar auf seiner Stirn steht. Noch ehe ich etwas erwidern kann fährt er fort: „Ich komme gerade aus Vietnam und in Vietnam redet man miteinander. Ich habe mir vorgenommen, das jetzt nach Deutschland zu importieren.“ Ich muss grinsen. „Ein guter Vorsatz“, sage ich und folge ihm an seinen Tisch.

Montag, 16. Dezember 2013


15.12.13

Nacht in Neukölln, morgen beginnt die neue Woche.
In der ... straße steht ein Haus, das vielleicht mein Lieblingshaus in Berlin ist: es ist grau, es ist unrenoviert und es steht leer. Nur die Lampe mit der Hausnummer flackert vor sich hin.
So sollte Berlin sein: eine Geisterstadt ohne Bewohner, eine verwitterte Altbaufassade, die wie eine Bühnenkulisse den Hintergrund für eine Geschichte bildet, die vielleicht nie wirklich stattgefunden hat.

Samstag, 7. Dezember 2013


7.12.13

Acht Uhr abends. Es hat geschneit, es ist kalt und der Bürgersteig ist glatt. Vor mir schwankt eine blonde Frau in dunklem Pelzmantel. Sie trägt versilberte Stiefel und eine Zigarette in der rechten Hand, dazu eine Handtasche quer über die Schulter. Sie stockt, hält inne und torkelt dann weiter. Ich habe schon Angst, dass sie hinfällt. Schließlich weicht sie nach rechts aus und hält sich an einem Baum fest. „Hoffentlich muss sie sich nicht übergeben“, denke ich.
Als ich unauffällig an ihr vorbei laufe und noch darüber nachdenke, ob ich vielleicht fragen soll, ob alles in Ordnung ist, höre ich ein seltsames Geräusch. Ich drehe mich um und traue meinen Augen nicht: Die Frau ist ein Typ, der gerade seinen Schwanz ausgepackt hat und an den Baum pisst, die Zigarette im Mundwinkel. „Alles in Ordnung“, sage ich mir und verschwinde um die nächste Häuserecke.

Sonntag, 3. November 2013


27.10.13
Sonntag. Am Mehringdamm ist es dunkel, kalt und regnerisch. Gerade will ich im U-Bahnschacht verschwinden, um dem Wetter zu entgehen, blicke vorher kurz auf die gegenüberliegende Straßenseite. Was ist denn das? Schon wieder? Und das bei diesem Wetter?
Eine riesige Menschenschlange wartet dort vor einer Imbissbude. Wirklich vor der Imbissbude? Gibt es da was umsonst? Oder stehen die Leute vielleicht doch woanders an? Hoffen sie auf die letzten Karten für ein seltenes Rockkonzert? Oder hat da ein neuer Club eröffnet? Ich bleibe stehen. Nein, tatsächlich vor der Imbissbude. Einer Dönerbude, genauer gesagt. Schon letzte Woche und vorletzte und vorvorletzte Woche stand die Schlange da, allerdings war es da heller Tag und strahlender Sonnenschein.
Nun bin ich neugierig. Was kann das sein? Warum gerade vor dieser Bude? Ist das jetzt der Hammer-Döner? Ich will dem Geheimnis auf den Grund gehen. Netz oder nie, denke ich mir und wechsle kurzentschlossen die Straßenseite. Eine Schlange von etwa 40 Leuten, die dort warten, frieren und sich vollregnen lassen. Ich frage einen Herrn mit Schirmmütze und Brille, der mitten in der Schlange steht: „Warum stehen sie denn hier an?“ „Ja, mir hoffet, dass es hier so gut schmeckt, wie mir g`hört händ.“ Gehört? Von wem mag er das gehört haben? „Aha, also geht es hier um Döner?“ „Ja, genau.“ Durch die Scheibe sehe ich, wie sich der Dönerspieß langsam um sich selbst dreht. Sieht eigentlich ganz normal aus. Ich frage die sympathisch dreinblickende Brünette am Ende der Schlange. „Warum stehen Sie hier an?“ „Also das ist der beste Döner hier. Und ich bin von hier, ich weiß das. „Und was ist das Besondere?“ frage ich weiter. „ Also die tun da so Gemüse rein...und Kartoffelspalten.“ Naja, Gemüse... kommt ja eigentlich in jeden Döner. Aber Kartoffelspalten? Das kommt mir seltsam vor. Ich frage mich, wieviele Dönerbuden es in Berlin wohl gibt? Eintausend? Oder zweitausend? Wieviele davon haben die nette Brünette und die Leute vor ihr in der Schlange wohl probiert? Fünf? Oder sechs? Keine Ahnung. Wenigstens gibt es vor der Dönerbude keine Türsteher, die sie wieder wegschicken. Ich schüttle meinen regennassen Kopf und gehe zurück zur U-Bahn.

Montag, 21. Oktober 2013


27.7.10
Berlin ist eine Nachtstadt. Daran erinnere ich mich jetzt, auf meinem Spaziergang, den ich unternehme, um den Döner für eins fünfzig zu verdauen, den ich gerade gegessen habe. Es sind Dinge, die tagsüber vergessen oder unsichtbar sind und mich jetzt daran erinnern: U-Bahnschilder, Leuchtplakate, selbstgebastelte Werbetafeln, Neonröhren, Straßenimbisse, erleuchtete Eckkneipen. Die Stadt versinkt in Dunkelheit und wird aus bunten Glühbirnen wiedergeboren.
Es scheint, als ob es hier einen Haufen Menschen gibt, der ausschließlich nachts lebt, wie Lemuren. Nachts verlassen sie ihre Häuser und es ist Leben in den Straßen, lachende Gesichter, überall Stimmen, besonders an Sommerabenden wie heute. Ich gehe mit leichten federnden Schritten über den erwärmten Asphalt. Kurz vor zwölf, auf der Hermannstraße fahren fast keine Autos mehr, dafür sitzen jetzt Biertrinker und Currywurstesser auf den Bänken vor den Imbissen. Sie stärken sich, bevor sie in die Parks, auf die Parties, in die Kneipen und die Clubs verschwinden. Wann werden sie müde? Wann endet ihre Nacht und beginnt ihr Tag, ihr Alltag? Haben sie überhaupt einen? Sind sie überhaupt Menschen? Oder eine eigene Spezies? Ich bleibe kurz stehen. Ich möchte mich ihnen anschließen, ich möchte einer von ihnen werden, ihnen in die Nacht folgen, mit ihnen ins Dunkel abtauchen. Doch ich kann nicht. Ich bin keiner von ihnen. Noch nicht? Kann man das lernen, ein Nachtberliner zu werden? Ein leichter, kühler Wind kommt auf und weht mir ins erhitzte Gesicht. Wie geht das? Wie werde ich auch ein Nachtberliner? Die Currywurstesser und Bietrinker erheben sich langsam und verschwinden, einer nach dem anderen, in die Parks, auf die Parties, in die Kneipen und die Clubs. Ich wende mich um und gehe nach hause.

Samstag, 28. September 2013

28.9.13
Ich versuche mich zu erinnern:
Warum bin ich damals, vor drei Jahren nach Berlin gekommen? Was wollte ich hier? Warum bin ich noch immer hier? Bin ich noch derselbe wie damals?
Meine Zeit in Frankfurt lief ab. Ich erhoffte mir einen Neuanfang. Vielleicht sogar ein neues Leben.
Berlin ist mein Amerika. Ich kam mit einem Traum hierher: Endlich Künstler sein. Frei. Festplatte löschen und einfach von vorne beginnen, die alten Geschichten vergessen, den alten Schmerz, die Trennung von meiner verflossenen Liebe. Hier in Berlin wird alles anders, dachte ich mir.