Samstag, 1. Februar 2014


19.11.11
Konzert mit zeitgenössischer Musik in einer Galerie für zeitgenössische Kunst in der Potsdamer Straße. Vor Beginn des Konzerts kann man die ausgestellten Objekte begutachten: Kabel, Drähte Kopfhörer, Glasscheiben, Lampen. Mit Anfassen. Interaktive Kunst.
Die Musiker spielen in kleiner Besetzung, etwa 30 Zuhörer lauschen aufmerksam. Anschließend unterhalte ich mich mit dem koreanischen Geiger, er erzählt mir von seinen Plänen und Projekten, schlägt schließlich vor, mit den anderen Musikern doch noch was trinken zu gehen. Ich komme gerne mit. Nach einigen Bieren und Falafel an einem Kreuzberger Szeneeck landen wir schließlich in einem Club ohne Namen in Neukölln. Draußen ist es kalt, drinnen ist es voll, Kondenswasser an den Scheiben. Aus den Boxen hämmert Minimaltechno unterlegt mit Tiergeräuschen, einige Mützenträger wippen mit Bierflaschen in der Hand vor dem DJ-Pult. Der Rest der Leute versucht sich schreiend zu unterhalten.
Plötzlich sehe ich ein Gesicht in der Menge, das mir bekannt vorkommt. Tatsächlich. Eine alte Schulkameradin, die ich seit wahrscheinlich 15 Jahren nicht gesehen habe. Sie hat sich eigentlich nicht sehr verändert. Erstaunlich, wen man in Berlin alles wiedertrifft. Ich dränge mich zu ihr durch und klopfe ihr auf die Schulter. Überrascht dreht sie sich zu mir, erkennt mich erst nicht, doch dann hellt sich ihr Gesicht auf und sie umarmt mich unerwartet, wobei ich einen leichten Schweißgeruch an ihr feststelle.
Sie wirkt ziemlich aufgedreht. Schreiend erklärt sie mir, dass sie jetzt ganz groß rauskommen will und dafür schon eine tolle Idee hat: ihre Autobiographie mit dem Titel „Willi Schneemann“. Der Witz dabei: sie schreibt sie im Voraus, mit Ereignissen und Erfolgen, die es noch garnicht gibt, die sie aber sukzessive, gewissermaßen rückwärts, nachliefert. Sie grinst. „Leider muss ich jetzt gehen“, brüllt sie mir ins linke Ohr, „aber ich adde dich bei Facebook.“ Sie umarmt mich nochmal kurz, aber fest und schlängelt sich durch die Menge zum Ausgang.

Samstag, 25. Januar 2014


21.12.13 (3)

Mir ist nicht nach Bier, also lehne ich ab. Er lässt nicht locker: „Komm, das ist ein besonderer Anlass, wer weiß, ob wir uns nochmal wiedertreffen.“ Es fällt mir schwer, seine Einladung abzuweisen, trotzdem verneine ich. „Ok, ok, also ich respektier das. Klar. Aber du bist so ein kontrollierter Typ, vielleicht musst du dich mal lockerer machen.“ Ich muss wieder grinsen. Die Kellnerin bringt mir eine Apfelschorle.
Er nimmt den letzten Schluck aus seinem Glas und wird plötzlich ernst. Seine Stirnfalte tritt jetzt noch deutlicher hervor. „Ich hab ne kleine Tochter, weißt Du, gerade zur Welt gekommen und mir jetzt n kleines Haus in Berlin gekauft. Hätte ich nicht gedacht, dass ich das meinen Kindern und meiner Frau mal bieten kann.“ Er blickt melancholisch zu Boden, mit den Fingern trommelt er auf dem leere Glas. Dann klingelt sein Telefon. „Ja, hallo? Ach Du bists... Nee Mutti, bin gerade im Zug... ja.. zum Dreh... ja... nee, is schlecht jetzt...“ Er legt auf, streckt mir wieder das gesprungene Display entgegen. „Das hier ist meine Tochter. Und das ist mein Haus.“ Ein ziemlich normales Reihenhaus mit rotem Ziegeldach. Der melancholische Ausdruck weicht nicht von seinem Gesicht.
Ich spüre, wie der Zug sich verlangsamt. Der Schaffner macht seine Durchsage. „Musst Du hier auch raus?“ „Ja.“ „Dann steigen wir hier zusammen aus.“ Er packt das Drehbuch in die Reisetasche, bezahlt die Rechnung bei der Kellnerin. „Hast Du noch Münzen für Trinkgeld? Ich hab nur noch n Fuffi.“ Ich lache kurz auf und lege zwei Münzen auf die weiße Tischdecke.
Der Zug hält an, die Türen öffnen sich, wir steigen aus. Er klopft mir zum Abschied auf die Schulter. „Pass gut auf Dich auf, wa?“ Ich muss ein letztes Mal grinsen. Dann verschwindet er in der Menschenmenge.

Mittwoch, 15. Januar 2014


21.12.13 (2)

Vor ihm steht ein halbleeres Bierglas, nicht sein erstes heute, sein Atem riecht stark nach Alkohol. Neben dem Bier auf der weißen Tischdecke liegt ein Drehbuch, darauf der Name eines bekannten deutschen Regisseurs. „Hier schau mal!“ er zieht sein Handy raus und zeigt mir Fotos von Vietnam. „Wie Apokalypse Now, wa?“ lacht er. Hinter dem zersprungenen Display sehe ich braunes Wasser und grünen Urwald, dazwischen einen ausgelatschten Holzsteg. „Das war am Mekong. Ich sag dir, Vietnam is echt krass!“ Er zeigt mir noch weitere Bilder: Gesichter, schwimmenden Plastikmüll, Aufnahmen vom Straßenverkehr in Ha Noi.
„Du bist Schauspieler, oder? Ich kenne Dein Gesicht.“ „ Ja, bin ich. Fahr grad zu Dreharbeiten. Das hier ist mein nächster Film“, er hält mir das Drehbuch entgegen. „Der Regisseur ist geisteskrank, ein Geisteskranker, ständig zugekokst und redet nur Müll. Ich frage ihn: wie soll ich die Rolle anlegen? Und er: jajajajaja. ja. Was soll ich damit anfagen? Mann, Alter, echt!“ er nimmt einen weiteren Schluck aus seinem Glas. „Komm, trink einen mit mir. Ich lad dich ein!“

Freitag, 10. Januar 2014


21.12.13

Im Zugrestaurant.
Ich sitze in den typischen roten Sesseln vor einem Kaffee und einem Stück Kuchen. Keiner unterwegs, nur die Kellnerin huscht ab und zu vorbei. Als ich die letzten Krümel in mich reinschiebe und an meinem Kaffee schlürfe fühle ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter. „Du sitzt hier so alleine, setz dich doch zu mir rüber an den Tisch.“ Überrascht drehe ich mich um. Hinter mir steht ein Typ, um die 30. Ich kenne sein Gesicht, aus dem Fernsehen. Er muss Schauspieler sein.
Schon vorhin fiel er mir auf, weil er in den kurzen Haltepausen des Zuges ständig zum Rauchen rausrannte. Jetzt steht er neben mir und zieht eine tiefe Stirnfalte, die charakteristisch, beinahe unverwechselbar auf seiner Stirn steht. Noch ehe ich etwas erwidern kann fährt er fort: „Ich komme gerade aus Vietnam und in Vietnam redet man miteinander. Ich habe mir vorgenommen, das jetzt nach Deutschland zu importieren.“ Ich muss grinsen. „Ein guter Vorsatz“, sage ich und folge ihm an seinen Tisch.

Montag, 16. Dezember 2013


15.12.13

Nacht in Neukölln, morgen beginnt die neue Woche.
In der ... straße steht ein Haus, das vielleicht mein Lieblingshaus in Berlin ist: es ist grau, es ist unrenoviert und es steht leer. Nur die Lampe mit der Hausnummer flackert vor sich hin.
So sollte Berlin sein: eine Geisterstadt ohne Bewohner, eine verwitterte Altbaufassade, die wie eine Bühnenkulisse den Hintergrund für eine Geschichte bildet, die vielleicht nie wirklich stattgefunden hat.

Samstag, 7. Dezember 2013


7.12.13

Acht Uhr abends. Es hat geschneit, es ist kalt und der Bürgersteig ist glatt. Vor mir schwankt eine blonde Frau in dunklem Pelzmantel. Sie trägt versilberte Stiefel und eine Zigarette in der rechten Hand, dazu eine Handtasche quer über die Schulter. Sie stockt, hält inne und torkelt dann weiter. Ich habe schon Angst, dass sie hinfällt. Schließlich weicht sie nach rechts aus und hält sich an einem Baum fest. „Hoffentlich muss sie sich nicht übergeben“, denke ich.
Als ich unauffällig an ihr vorbei laufe und noch darüber nachdenke, ob ich vielleicht fragen soll, ob alles in Ordnung ist, höre ich ein seltsames Geräusch. Ich drehe mich um und traue meinen Augen nicht: Die Frau ist ein Typ, der gerade seinen Schwanz ausgepackt hat und an den Baum pisst, die Zigarette im Mundwinkel. „Alles in Ordnung“, sage ich mir und verschwinde um die nächste Häuserecke.

Sonntag, 3. November 2013


27.10.13
Sonntag. Am Mehringdamm ist es dunkel, kalt und regnerisch. Gerade will ich im U-Bahnschacht verschwinden, um dem Wetter zu entgehen, blicke vorher kurz auf die gegenüberliegende Straßenseite. Was ist denn das? Schon wieder? Und das bei diesem Wetter?
Eine riesige Menschenschlange wartet dort vor einer Imbissbude. Wirklich vor der Imbissbude? Gibt es da was umsonst? Oder stehen die Leute vielleicht doch woanders an? Hoffen sie auf die letzten Karten für ein seltenes Rockkonzert? Oder hat da ein neuer Club eröffnet? Ich bleibe stehen. Nein, tatsächlich vor der Imbissbude. Einer Dönerbude, genauer gesagt. Schon letzte Woche und vorletzte und vorvorletzte Woche stand die Schlange da, allerdings war es da heller Tag und strahlender Sonnenschein.
Nun bin ich neugierig. Was kann das sein? Warum gerade vor dieser Bude? Ist das jetzt der Hammer-Döner? Ich will dem Geheimnis auf den Grund gehen. Netz oder nie, denke ich mir und wechsle kurzentschlossen die Straßenseite. Eine Schlange von etwa 40 Leuten, die dort warten, frieren und sich vollregnen lassen. Ich frage einen Herrn mit Schirmmütze und Brille, der mitten in der Schlange steht: „Warum stehen sie denn hier an?“ „Ja, mir hoffet, dass es hier so gut schmeckt, wie mir g`hört händ.“ Gehört? Von wem mag er das gehört haben? „Aha, also geht es hier um Döner?“ „Ja, genau.“ Durch die Scheibe sehe ich, wie sich der Dönerspieß langsam um sich selbst dreht. Sieht eigentlich ganz normal aus. Ich frage die sympathisch dreinblickende Brünette am Ende der Schlange. „Warum stehen Sie hier an?“ „Also das ist der beste Döner hier. Und ich bin von hier, ich weiß das. „Und was ist das Besondere?“ frage ich weiter. „ Also die tun da so Gemüse rein...und Kartoffelspalten.“ Naja, Gemüse... kommt ja eigentlich in jeden Döner. Aber Kartoffelspalten? Das kommt mir seltsam vor. Ich frage mich, wieviele Dönerbuden es in Berlin wohl gibt? Eintausend? Oder zweitausend? Wieviele davon haben die nette Brünette und die Leute vor ihr in der Schlange wohl probiert? Fünf? Oder sechs? Keine Ahnung. Wenigstens gibt es vor der Dönerbude keine Türsteher, die sie wieder wegschicken. Ich schüttle meinen regennassen Kopf und gehe zurück zur U-Bahn.