Dienstag, 28. Mai 2013

28.5.13
Ich treffe einen alten Studienkollegen völlig überraschend in der U-Bahn. Er war einmal ein sehr guter Freund oder ich sah ihn als so etwas an, bevor er mich auf üble Weise hinterging. Vor einiger Zeit habe ich den Kontakt zu ihm abgebrochen und wir haben uns zwei Jahre oder länger nicht mehr gesehen. Jetzt steht er plötzlich vor mir, mit blassem Gesicht und einem Buch in der Hand. Er grinst.
Wir verabreden uns spontan zum Kaffee, steigen an der Schönleinstraße aus, wo er seit Kurzem mit seiner Freundin wohnt, die er damals einem gemeinsamen Bekannten ausgespannt hat. „Also wirklich was Ernstes?“ frage ich etwas perplex. „Joa, wir sind jetzt seit drei Jahren zusammen, mit Höhen und Tiefen und zeitweiligen Trennungen. Aber man muss sich überlegen, wie man heutzutage zusammenleben will. Man kann ja nicht die alten Beziehungsmodelle von früher übernehmen.“
Das Café, in dem wir sitzen ist fast leer. Ein schöner Raum, mit antiquierten Postern aus den Siebziger Jahren. Aus den Lautsprechern dringt die Stimme von Cat Stevens. Mein Studienfreund rührt in seinem Kaffee und erzählt mir von seiner Kunst: Installationen mit fliegenden Lautsprechern. Im Sommer gibt es ein Event in der Nähe des Kanzleramts.
Ich versuche weniger Alkohol zu trinken" fährt er fort. "Es ist doch oft von Nachteil: eigentlich redet man nur Stuss und dann der Kater am nächsten Tag.“ Er möchte jetzt mit Yoga anfangen. „Wollt ihr Kinder?“ „Es steht immer wieder mal im Raum, aber Künstler zu sein, ist eben ein unsteter Lebensentwurf.“
Er fragt mich, was ich an Berlin besonders schätze.
Freiheit. Die Stadt gehört niemandem.“ Er blickt mich mit einer Mischung aus Skepsis und Bewunderung an. Dann stehen wir auf und bezahlen. Er schüttelt meine Hand und verschwindet so unvermittelt, wie er aufgetaucht ist.

Dienstag, 21. Mai 2013

18.5.13
Es regnet. Zeigt Berlin bei Regen sein wahres Gesicht? Ist es bei Sonne nur ein Traum, eine Illusion? Ich kenne keine Stadt, die ihr Gesicht mit dem Wetter so stark verändert, wie Berlin: Bei Sonne ein Paradies auf Erden, bei Regen ein graues Gefängnis. Woran liegt es? Vermutlich ist es der Himmel über Berlin. Er ist sprichwörtlich. Bei Sonne weit und frei, fast unendlich. Bei Regen plötzlich ganz nah und drohend. Dann scheint er die Stadt und seine Bewohner zu erdrücken, eine graue, undurchdringliche Wand, die alles unter sich begräbt.
Ich sitze unter der Markise eines Kreuzberger Straßencafés und schaue hinaus in die graue, feuchte Regenluft. Eine Lärmdemo soll eigentlich noch vorbeikommen, gegen steigende Mieten. Aber sie kommt nicht. Vielleicht hat sie sich bei diesem Wetter vorzeitig aufgelöst. Nur das Spalier der Polizeiautos rollt mit Blaulicht vorbei.
Der Regen lässt schließlich nach. Ich stehe auf und verlasse das Café. Aus den Bäumen rieseln noch dicke Tropfen. Die Wolken beginnen tatsächlich sich aufzulösen. Morgen soll die Sonne scheinen, sagt der Wetterbericht.

Dienstag, 14. Mai 2013

24.7.10 (2)
Berlins verschwenderische Weite ist manchmal ein Fluch.
Ich suche die Lahnstraße und kann sie nicht finden. Jetzt habe ich schon drei Mal auf den Stadtplan geschaut – da ist sie groß und breit und nicht zu übersehen, aber im realen Berlin scheint sie nicht zu existieren. Ein Fehlschluss, der mir als typischem Berlin-Anfänger passiert: ich unterschätze die Entfernungen. Was auf dem Plan kurz aussieht, ist in Wahrheit lang. Sehr lang. Denn Berlin hat viel Platz, es ist riesig und auch die Distanzen sind riesig. Meistens ist es keine gute Idee hier zu Fuß zu gehen.
Was ich außerdem übersehen habe, ist, dass die Lahnstraße, bevor sie die Karl-Marx-Straße kreuzt, Silbersteinstraße heißt und das heißt sie sehr lange. Also laufe ich. Ich hätte eigentlich eine Station weiter fahren, nein eigentlich eine andere Linie nehmen, vorher am Hermannplatz umsteigen sollen, aber dann wäre es nix mehr gewesen mit Kurzstrecke.
Ich habe Hunger und miese Laune. Endlich: die Lahnstraße. Aber sie ist überhaupt nicht groß und breit, und wie eine Hauptstraße, als solche im Plan deklariert, sieht sie schon garnicht aus. Jetzt muss ich sie auch noch bis zum Ende durchlatschen. Endlich erreiche ich das Geschäft, sie haben sogar was ich suche, aber ich habe kein Auto, es zu transportieren. Ich muss am nächsten Tag nochmal wiederkommen.
Auf dem Rückweg mache ich an einem Backshop halt. Eigentlich möchte ich nur ein Schokoladencroissant, nehme aber dann doch eine Tomatentasche und zwei Spritzkuchen. "Soll ichs ihnen warmmachen?" Ich bin verblüfft über die Freundlichkeit der Verkäuferin. "Ja, gerne." "Zum Mitnhemen?" "Ja, vielen Dank." "Tschüsi". Im Laufen esse ich die warme Tomatentasche, die beiden Spritzkuchen hebe ich mir für zuhause auf.

Montag, 6. Mai 2013

24.7.10
Ich steige in die U-Bahn, Kurzstrecke. Soll ich lösen oder nicht? Ein kurzer Gedanke schießt mir durch den Kopf: "Ich fahre nicht schwarz, ich bin zu ehrlich." Andererseits denke ich: "Eine Station, da kann nichts passieren." Also mache ich einen Kompromiss: ich kaufe eine Kurzstrecke, stemple aber nicht. Ich sitze mit verschränkten Armen in der Bahn, es ist eine der neuen, die wie riesige Bandwürmer aussehen und durchgängig sind von vorne bis hinten, und schaue auf das Berliner Fenster. Das ist ein Monitor an der U-Bahn-Decke, auf dem Nachrichten, Werbung und ziemlich dämliche Cartoons zu sehen sind.
Ein kurzer Blick nach rechts: Tatsächlich Kontrolleure! Kann doch echt nicht sein. Einer, in kurzen Hosen und mit sportlicher Umhängetasche kommt langsam näher. Schaffe ich das noch zur nächsten Station? Nein ich schaffe es nicht. Im Kopf gehe ich schnell noch gute Ausreden durch. Die beste die mir einfällt: "Ich bin neu hier in Berlin (was ja sogar stimmt) und komme aus Frankfurt, da sind die Fahrkarten aus dem Automaten immer schon entwertet (was auch stimmt), deshalb habe ich es einfach vergessen (was nicht stimmt)". Jetzt ist er da. Ich versuche noch schamhaft, den nicht abgestempelten Streifen mit den Fingern zu verdecken, als ich ihm den Fahrschein hinhalte. Aber es hilft nichts, er nimmt ihn mir aus der Hand und dreht ihn einmal um. "Jetzt ist es aus!" denke ich.
Aber dann: Er sagt nichts, nickt nur, geht dann weiter. Ich bin baff. Kein Wort, nicht mal eine Ermahnung oder sowas. Vielleicht dachte er: Kurzstrecke, was solls, die eine Station. Ich nehme den Fahrschein nochmal in die Hand und prüfe ihn genau. Da steht nur das Datum, das hat der Automat mit draufgedruckt. Sonst nichts. Die Station, wo ich eingestiegen bin, steht nicht drauf. Vielleicht hat mich der Kontrolleur beim Einsteigen gesehen? Oder er war einfach nur nett? Netter Kontrolleur in Berlin.

Montag, 29. April 2013

23.7.10
Es hat sich festgeregnet und der Himmel ist grau, grau wie die Karstadtfassade am Hermannplatz. Der Platz verbreitet eine ungute Atmosphäre und das liegt nicht an den vielen zwielichtigen Gestalten, sondern an den titanenhaften, unrenovierten Fassaden – als hätten hier mal Riesen gewohnt, die jetzt ausgestorben sind.
Ich gehe hinein in den Karstadtklotz, um einige Besorgungen zu machen. Am Telekomstand steht einer, der mir irgendwie bekannt vorkommt. „Komisch“, denke ich, „der Verkäufer hat die selben Kotteletten wie Cem Özdemir“. Ich schaue ein zweites Mal hin: Es ist Cem Özdemir. Ich erkenne ihn schließlich an seiner langgestreckten Nase. Er schaut ernst und beiläufig, so als ginge ihn das alles um ihn herum nichts an, aber gleichzeitig mit der Gewissheit, bereits erkannt worden zu sein. Als ich von den Besorgungen zurückkomme steht Özdemir noch immer da. Entweder braucht er eine sehr aufwendige Beratung oder er möchte seinen Wählern nahe sein.
Volkspark Hasenheide – keine gute Idee hier durchzugehen, wie ich bald merke. Überall in den Büschen lauern Dealer und Heroinabhängige, Cracktypen und Schwerstalkoholiker. „He Alter, brauchst was?“ wird schon bald zu meiner täglichen Begleitmusik. Ich schaue auf den Boden und orientiere mich auf die breiten, geteerten Wege. In manchen Hecken stehen Sofas – Dealerbüro. Ein paar Meter weiter eine Kita mit großem Spielplatz und Liegewiesen. Muttis schauen ihren Kindern beim Schaukeln zu. Eine kuriose Koexistenz.
Die geteerte Querstraße in der Mitte des Parks ist die magische Grenze, dahinter ist der Spuk vorbei. Zwei studentische Bartträger spielen Federball auf der Wiese, eine Joggerin in roter Hose müht sich einen Kiesweg entlang.
Nachmittags bin ich in einem sehr schlechten Asia-Imbiss, der zu allem Überfluss auch noch teuer ist. Während ich braune Bratnudeln mit Hähnchenfleisch in mich reinschiebe, lese ich die BZ und spekuliere eigentlich auf ein Paar Bilder mit Titten, aber Fehlanzeige. Überhaupt bin ich in den letzten Tagen das Vorbild für schlechte Ernährung: nur auswärts gegessen, immer schön billig, teilweise gut, teilweise mies und kein Obst, dafür leckere türkische Pfannkuchen mit Spinat. Die Verkäuferin in der Bäckerei hat ein schönes und offenes Gesicht, sie lächelt, sobald man ihr in die Augen sieht, sie sagt "Mehraba" oder „Hallo", je nachdem, wer gerade reinkommt. Zum Abschied sagt sie "Tschüsi", das scheinen hier alle Verkäuferinnen zu sagen.
Berlin ist Utopia und Apokalypse zugleich, das merke ich an einem Tag wie heute, der wie ein Septembertag ist. Wenn die Sonne scheint, dann ist es das Paradies und die Leute vergessen ihre Sorgen, Frauen zeigen ihre schönen Schultern und Beine – und es gibt viele schöne Schultern und Beine in Berlin. Wenn es aber wie heute regnet und kühl ist, hängen die Köpfe und die Regencapes sind Schutzanzüge gegen die enttäuschte Hoffnung.
Ich fühle mich wie in einer surrealen Umgebung, in einer Zwischenwelt. Ich weiß nicht, ob ich wirklich hier wohne, ob es diesen Ort wirklich gibt. Vielleicht ist Berlin nur eine Erfindung, ein Phantasiereich, das nur die sehen, die es sich ausdenken.

Montag, 22. April 2013

22.4.13
Nach fünf Jahren verlasse ich Facebook. Was das mit Berlin zu tun hat? Weiß ich noch nicht. Aber wir werden sehen...

Mittwoch, 27. Februar 2013

22.7.10
Ich habe mich dran gehalten: Im Sommer ziehe ich hierher und so kommt es dann auch. Gestern noch ein Häufchen Elend, heute schon auf der Berlin-Welle reiten. Es ist so viel Platz hier und es scheint, als ob die Zeit hier langsamer verginge als anderswo. Überall Straßencafés, Straßenrestaurants und Straßendöner. Alles fühlt sich leicht und entspannt an. Den Tag über ist es heiß, eine harte Hitze, abends beginnt es zu regnen.
Bevor ich die U-Bahnhaltestelle Bernauer Straße erreiche, kommt mir eine Anfangzwanzigjährige mit kurzen blauen Shorts, Hochsteckfrisur und Plastiksonnenbrille entgegen. Sie bemerkt meinen Blick und wendet sich nach links, um ihr Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe zu betrachten, dabei fährt sie sich mit der linken Hand durchs Haar.
Die U-Bahn ist voll, voll mit nackten Beinen, Rucksack- und Sandalenträgern. Es herrscht Schweigen, ein Schweigen, das dick wie Watte ist. Die meisten verstecken ihre Gesichter hinter diesem Schweigen: Intimität vermeiden, nicht aufgeschreckt werden. Nur selten riskieren sie einen Blick in den Mittelgang. Eine rothaarige Frau mit Kurzhaarschnitt und schwarzrandiger Hornbrille packt ihre Brust aus und stillt einen Jungen, der bereits weit über das Stillalter hinaus ist. Für einen Moment bin ich irritiert.
Am Alexanderplatz drückt die Mehrheit der Fahrgäste aus den sich öffnenden Türen, die Nachdrängenden besetzen die Plätze. Ihre Rucksäcke, Sandalen, Röcke und Shorts sind grauer und etwas ranziger. Am Kottbusser Tor steigt ein Schnorrer mit Baseballcap, Parka und Vollbart ein und sagt ein Gedicht auf, das von Engelein handelt. Ich erinnere mich, dass er mir heute Mittag bereits auf der Hinfahrt begegnet ist. Sein Auftritt ist gut einstudiert, er ist ein exzellenter Entertainer und reflexhaft möchte ich ihm etwas geben, lasse es dann aber doch sein, zwinge mich, es sein zu lassen und habe dabei ein sehr schlechtes Gewissen. 
Als der Schnorrer eine weiter aussteigt, sehe ich drei Malocher an der Tür stehen. Mir fallen sie erst jetzt auf, ich weiß nicht, ob sie gerade erst zugestiegen sind, oder ob sie schon die ganze Zeit dort standen. Sie unterhalten sich, vertraut, obwohl ich glaube, dass sie sich nicht kennen. Ein merkwürdiges Bild: fremde Leute, die sich unterhalten, vielleicht nur für einen Moment, weil sie gerade ein kurzes gemeinsames Schicksal teilen.
Die Kippfenster der U-Bahnwaggons sind alle geöffnet und es weht eine starke Brise durch den Zug, die angenehm kühl ist. Einer Muslima flattert der lange Kopftuchschleier um die Schultern, fast wie eine Wetterfahne.
Ich steige aus. Die Schrift, welche die Haltestelle markiert, ist hier versifft, alle Werbeflächen sind leer, unvermietet. Willkommen in Neukölln.