Montag, 21. Oktober 2013


27.7.10
Berlin ist eine Nachtstadt. Daran erinnere ich mich jetzt, auf meinem Spaziergang, den ich unternehme, um den Döner für eins fünfzig zu verdauen, den ich gerade gegessen habe. Es sind Dinge, die tagsüber vergessen oder unsichtbar sind und mich jetzt daran erinnern: U-Bahnschilder, Leuchtplakate, selbstgebastelte Werbetafeln, Neonröhren, Straßenimbisse, erleuchtete Eckkneipen. Die Stadt versinkt in Dunkelheit und wird aus bunten Glühbirnen wiedergeboren.
Es scheint, als ob es hier einen Haufen Menschen gibt, der ausschließlich nachts lebt, wie Lemuren. Nachts verlassen sie ihre Häuser und es ist Leben in den Straßen, lachende Gesichter, überall Stimmen, besonders an Sommerabenden wie heute. Ich gehe mit leichten federnden Schritten über den erwärmten Asphalt. Kurz vor zwölf, auf der Hermannstraße fahren fast keine Autos mehr, dafür sitzen jetzt Biertrinker und Currywurstesser auf den Bänken vor den Imbissen. Sie stärken sich, bevor sie in die Parks, auf die Parties, in die Kneipen und die Clubs verschwinden. Wann werden sie müde? Wann endet ihre Nacht und beginnt ihr Tag, ihr Alltag? Haben sie überhaupt einen? Sind sie überhaupt Menschen? Oder eine eigene Spezies? Ich bleibe kurz stehen. Ich möchte mich ihnen anschließen, ich möchte einer von ihnen werden, ihnen in die Nacht folgen, mit ihnen ins Dunkel abtauchen. Doch ich kann nicht. Ich bin keiner von ihnen. Noch nicht? Kann man das lernen, ein Nachtberliner zu werden? Ein leichter, kühler Wind kommt auf und weht mir ins erhitzte Gesicht. Wie geht das? Wie werde ich auch ein Nachtberliner? Die Currywurstesser und Bietrinker erheben sich langsam und verschwinden, einer nach dem anderen, in die Parks, auf die Parties, in die Kneipen und die Clubs. Ich wende mich um und gehe nach hause.

Samstag, 28. September 2013

28.9.13
Ich versuche mich zu erinnern:
Warum bin ich damals, vor drei Jahren nach Berlin gekommen? Was wollte ich hier? Warum bin ich noch immer hier? Bin ich noch derselbe wie damals?
Meine Zeit in Frankfurt lief ab. Ich erhoffte mir einen Neuanfang. Vielleicht sogar ein neues Leben.
Berlin ist mein Amerika. Ich kam mit einem Traum hierher: Endlich Künstler sein. Frei. Festplatte löschen und einfach von vorne beginnen, die alten Geschichten vergessen, den alten Schmerz, die Trennung von meiner verflossenen Liebe. Hier in Berlin wird alles anders, dachte ich mir.

Donnerstag, 25. Juli 2013

4.7.13
Jubiläumsfeier des Buchladens um die Ecke.
Es ist sehr heiß und ich bin zehn Minuten zu spät, aber es hat noch nicht angefangen. Draußen vor der Tür sitzen einige Raucher und rauchen. Drinnen gibt es Wein aus Plastikbechern, dazu eingelegte Oliven und Knusperbrezeln. Der Spanier gießt mir ein und erzählt, dass er aus der Gegend von Valencia kommt und schon über sieben Jahre in Berlin wohnt, zunächst im Prenzlauer Berg, dann in Neukölln, dann in Kreuzberg, in Friedrichshain und jetzt wieder in Neukölln. „Iss fülle miss ssehr woll hier und mösste hier bleiben“, dabei reibt er sich die Hände und lächelt.
Das Konzert beginnt. Eine tätowierte Italienerin singt Lieder von George Gershwin und Gianna Nannini. Ihr Freund begleitet sie auf der Gitarre. Die Tür des Ladens steht weit offen und draußen bildet sich eine kleine Zuhörermenge, sogar einige Leute erscheinen an den Fenstern der umliegenden Häuser.
Nach dem vierten Lied wird der Applaus schwächer und ich beginne mich zu langweilen. Während die Italienerin nun zum Blues übergeht, gehe ich in den Nebenraum und betrachte die Bücherregale: Dostojewski, Konsalik, Focault, Paul Auster. Ich ziehe ein Buch von ihm aus dem Regal, da ertönt hinter mir eine Stimme: „Gehören Sie auch zu den Leuten, die diesen Laden mit gebrauchten Büchern austatten?“ Ein korpulenter Mann in kurzen Hosen und schwarzem Burberryhemd steht dort, er war mir unter den Besuchern garnicht aufgefallen. Er lacht laut auf und fährt fort: „Ich bin überrascht, dass es in Neukölln überhaupt Kultur gibt. Wissen Sie, eigentlich finde ich Berlin ganz furchtbar, eine so hässliche Stadt! Alles gewollt und nichts gelungen. Florenz oder Venedig, das sind Städte! Oder mein persönlicher Favorit: Palermo! Das ist eine Stadt mit Kultur, wissen Sie, und dazu ein Klima, in der eine Palme sehr gut wächst. Dort werde ich meinen Lebensabend verbringen, wenn ich nächstes Jahr in den Ruhestand trete. Vielleicht in einem schönen Palais. Kennen Sie Palermo?“ Ich schüttele den Kopf. „Sie sehen wie ein kultureller Mensch aus, kommen Sie mich doch mal besuchen. Dann sprechen wir über die wirklich schönen Städte dieses Kontinents.“ Er lacht ein zweites Mal und reicht mir seine Karte: 'Dr. Gunthard Frese - Kunsthistoriker und Archivar' steht dort. Ich bemerke die zerbrochene Armbanduhr an seinem Handgelenk. „Besuchen Sie mich, es wäre mir eine Freude!“
Die Italienerin hat gerade ihr letztes Lied gesungen und nimmt sich einen Becher Rotwein. In meiner linken Hand halte ich noch immer das Buch, stelle es zurück an seinen Platz im Regal. „Besuchen Sie mich, in meine es ernst.“ Ich nicke nur zum Abschied und werfe dem Spanier einen Blick zu, er winkt mir und ich trete aus dem Buchladen hinaus auf die Straße.

Mittwoch, 3. Juli 2013

28.6.13
Ich gehe zum Buchladen an der Ecke, um meine Goethe-Gesamtausgabe zu verkaufen. Es ist ein Second Hand Bookshop, der von einem Spanier betrieben wird. Der Spanier ist hager, trägt eine eckige Hornbrille und seine schwarzen Haare in einem langen Scheitel zur Seite gekämmt, dazu weißes T-Shirt und blaue Hose.
Iss liebe Büsser“, sagt er mit schwacher Stimme und starkem Akzent. „Iss kaufe allearte von Büsser, aber leider iss kann niss ssoviel zahlen.“ Kein Problem, sage ich, sag mir einfach, wieviel Du dafür geben kannst. Er holt einen Geldbeutel aus Wolle hervor und reicht mir daraus einige Scheine und Münzen.
Büsser sind für miss wie eine Puzzle meiness Lebenss. Iss sstelle Bessüge her zwissen die Büsser in meine Regal und iss weiss noch genau, wie iss miss gefühlt habe, als iss diesse oder diesse Buch gelessen habe damalss. Leider iss habe die Inhalt nie ausswendig gelernt.“
Er lädt mich zum einjährigen Jubiläum des Buchladens in der nächsten Woche ein. Es soll ein kleines Konzert geben, anschließend Wein und Gespräch. Ich verspreche zu kommen.

Sonntag, 30. Juni 2013

25.7.10
Die Meldung des Tages: 19 Tote bei der Love Parade in Duisburg, und es wird nie wieder eine Love Parade geben, sagt der Veranstalter. Tod eines Spektakels, das schon lange tot war. Jetzt musste es noch Tote geben, dass es alle auch begriffen haben.
Ich denke daran, wie Berlin war, als die Loveparade noch hier stattfand: Der Potsdamer Platz eine Sandwüste mit roter Box, Mitte ein Sandhaufen, eine Baugrube mit Kränen. Und die allgegenwärtige Stimmung: jetzt passiert was, jetzt beginnt die Zukunft.
Berlin ist eine unwirkliche Stadt. Manchmal habe ich das Gefühl, als ob sie sich gleich in Luft auflösen, oder plötzlich geräumt, völlig evakuiert würde. Ist Berlin überhaupt jemals eine Stadt gewesen? Sie ist doch eigentlich zu jung und viel zu schnell gewachsen. Und so schnell sie gewachsen ist, ist sie auch wieder zerfallen und wächst jetzt wieder. Aber nicht aus eigenem Antrieb, das hat sie nie getan, sondern forciert durch eine Herrscherkaste, die ihre feuchten Träume und Allmachtsfantasien an ihr ausgelebt hat: erst die Preußen, dann die Nazis, dann Kommunisten und Kapitalisten. Letztere sind jetzt als letzte übriggeblieben. Und wer weiß, wie lange es sie noch gibt?

Dienstag, 28. Mai 2013

28.5.13
Ich treffe einen alten Studienkollegen völlig überraschend in der U-Bahn. Er war einmal ein sehr guter Freund oder ich sah ihn als so etwas an, bevor er mich auf üble Weise hinterging. Vor einiger Zeit habe ich den Kontakt zu ihm abgebrochen und wir haben uns zwei Jahre oder länger nicht mehr gesehen. Jetzt steht er plötzlich vor mir, mit blassem Gesicht und einem Buch in der Hand. Er grinst.
Wir verabreden uns spontan zum Kaffee, steigen an der Schönleinstraße aus, wo er seit Kurzem mit seiner Freundin wohnt, die er damals einem gemeinsamen Bekannten ausgespannt hat. „Also wirklich was Ernstes?“ frage ich etwas perplex. „Joa, wir sind jetzt seit drei Jahren zusammen, mit Höhen und Tiefen und zeitweiligen Trennungen. Aber man muss sich überlegen, wie man heutzutage zusammenleben will. Man kann ja nicht die alten Beziehungsmodelle von früher übernehmen.“
Das Café, in dem wir sitzen ist fast leer. Ein schöner Raum, mit antiquierten Postern aus den Siebziger Jahren. Aus den Lautsprechern dringt die Stimme von Cat Stevens. Mein Studienfreund rührt in seinem Kaffee und erzählt mir von seiner Kunst: Installationen mit fliegenden Lautsprechern. Im Sommer gibt es ein Event in der Nähe des Kanzleramts.
Ich versuche weniger Alkohol zu trinken" fährt er fort. "Es ist doch oft von Nachteil: eigentlich redet man nur Stuss und dann der Kater am nächsten Tag.“ Er möchte jetzt mit Yoga anfangen. „Wollt ihr Kinder?“ „Es steht immer wieder mal im Raum, aber Künstler zu sein, ist eben ein unsteter Lebensentwurf.“
Er fragt mich, was ich an Berlin besonders schätze.
Freiheit. Die Stadt gehört niemandem.“ Er blickt mich mit einer Mischung aus Skepsis und Bewunderung an. Dann stehen wir auf und bezahlen. Er schüttelt meine Hand und verschwindet so unvermittelt, wie er aufgetaucht ist.

Dienstag, 21. Mai 2013

18.5.13
Es regnet. Zeigt Berlin bei Regen sein wahres Gesicht? Ist es bei Sonne nur ein Traum, eine Illusion? Ich kenne keine Stadt, die ihr Gesicht mit dem Wetter so stark verändert, wie Berlin: Bei Sonne ein Paradies auf Erden, bei Regen ein graues Gefängnis. Woran liegt es? Vermutlich ist es der Himmel über Berlin. Er ist sprichwörtlich. Bei Sonne weit und frei, fast unendlich. Bei Regen plötzlich ganz nah und drohend. Dann scheint er die Stadt und seine Bewohner zu erdrücken, eine graue, undurchdringliche Wand, die alles unter sich begräbt.
Ich sitze unter der Markise eines Kreuzberger Straßencafés und schaue hinaus in die graue, feuchte Regenluft. Eine Lärmdemo soll eigentlich noch vorbeikommen, gegen steigende Mieten. Aber sie kommt nicht. Vielleicht hat sie sich bei diesem Wetter vorzeitig aufgelöst. Nur das Spalier der Polizeiautos rollt mit Blaulicht vorbei.
Der Regen lässt schließlich nach. Ich stehe auf und verlasse das Café. Aus den Bäumen rieseln noch dicke Tropfen. Die Wolken beginnen tatsächlich sich aufzulösen. Morgen soll die Sonne scheinen, sagt der Wetterbericht.