Dienstag, 19. August 2014


18.8.14
Ich trete hinaus auf die Straße und schaue auf die Häuserfassaden und den windigen Himmel. Ein leichter, erlösender Sprühregen hebt an, nässt das Pflaster unter meinen Sohlen, verwandelt es in eine blanke, spiegelnde Fläche und beendet den Hochsommer. Die Zeit der Sandalen, kurzen Hosen und Achselhemden geht nun vorbei.
Auf meinem Weg zur U-Bahn kommt mir strammen Schrittes eine Mutter mit wogenden Brüsten und Kinderwagen entgegen. Das Kind sitzt aufrecht im Wagen und trägt einen dicken Helm, dreht den Kopf in meine Richtung. Sie trägt ein pflaumenfarbenes Achselhemd, gegen dessen gerippten Stoff sich ihre Brustwarzen deutlich abzeichnen und lächelt mir entgegen. Ich lächle zurück und gehe schnell an ihr vorbei. Der Regen wird stärker und alle Passanten flüchten sich unter die Bäume. Ich haste über die Straße und suche Schutz im U-Bahnschacht. Wie alle Jahre wieder.

Dienstag, 22. Juli 2014


9.6.14 (2)
Jetzt bin ich unfreiwilliger Besitzer eines Modellflugzeugs. Was mache ich mit dem Ding?
Ich beschließe, es dorthin zu bringen, wo es vermutlich hergekommen ist: zum Flugfeld. Ich klemme es unter den Arm und mache mich auf den Weg.
Die meisten Leute schauen mich amüsiert an, halten mich wohl für ein großes Kind, doch auch die Kinder reagieren, schauen mit großen Augen erst auf mich, dann auf das Flugzeug. Unterwegs passiere ich ein Café, ein Engländer mit Gitarre neben seinem Stuhl, ruft: “Hahaha, drone-attack!” “Yes, something like that” lache ich zurück.
Ich erreiche das Feld. Obwohl es noch recht früh ist, ist es schon sehr heiß, die Hitze flimmert leicht über den Asphalt. Ich gehe die Startbahn entlang. Auch hier niemand zu sehen, der ein Flugzeug vermisst. Ich gehe weiter, es wird heißer und heißer. Schließlich biege ich, um etwas Schatten zu suchen, in einen Seitenweg und begegne einem Vater mit seinem kleinen Sohn an der Hand. Der Kleine reißt die Arme hoch, als er mich sieht und ruft: “Ohhh, Flugzeug!” Ich beuge mich zu ihm und sage: “Möchtest Du es haben? Ich schenke es Dir.” “Brauchen Sie es denn nicht selbst?” fragt mich der Vater. “Es gehört mir garnicht, es ist mir zugeflogen.” Der Vater bedankt sich sehr herzlich, der Sohn strahlt übers ganze Gesicht. “Der Propeller ist etwas beschädigt”, sage ich noch. “Kein Problem, das kann ich kleben”, meint der Vater. Dann machen sie sich auf den Weg. “Auf Wiedersehen”, sage ich und sehe ihnen hinterher.

Mittwoch, 2. Juli 2014


2.7.14
Spruch des Tages. Auf einem großen Berliner Werbeplakat lese ich folgendes: “Ich höre nie auf zu suchen, freue mich aber immer, wenn ich nichts finde.”

Samstag, 28. Juni 2014


27.6.14
Mit vollen Einkaufstüten in den Händen bin ich auf dem Nachhauseweg. Plötzlich vor mir auf dem Bürgersteig eine umgekehrte Schrift, mit gelber Kreide dort hingeschrieben. Ich halte kurz an, drehe den Kopf und lese, was da steht: “Ich will ich sein”. Ein Stückchen weiter kommt die nächste Schrift, wieder halte ich an und lese: “Du drehst Dich um und niemand ist da”. Ich muss lächeln. Nachdem ich die Hauptstraße überquert habe und in eine Seitenstraße einbiege, begegnet mir wieder die gelbe Kreideschrift. Diesmal steht dort: “We want change!”
Streetpoetry in Berlin.

Donnerstag, 26. Juni 2014


26.6.14
Der Mauerpark. Dort liegt er wie ein Denkmal der Neunziger Jahre. Die Wolkendecke lockert etwas auf und die Sonne zeigt sich. Es sind nur wenige Leute unterwegs, einige Radfahrer, eine einsame Raucherin. Auf dem Weg steht eine traurige Gestalt mit schwarzer Mütze, schwarzer abgetragener Jacke und ausgelatschten Turnschuhen. Als ich vorbeigehe, erwarte ich schon die obligatorische Ansprache: “Tschuldigung, haste vielleicht n Bisschen Kleingeld?” aber sie kommt nicht. Stattdessen hebt der traurige Mann nur kurz den Blick und senkt ihn wieder.
Ich gehe ein Stück weiter, unter einer Baumgruppe auf einer Mauer sitzen Mittfünziger und unterhalten sich. Vor zwanzig Jahren, die Zeit nach dem Mauerfall, waren sie in meinem Alter, vielleicht saßen sie damals auch schon hier, ihr halbes Leben noch vor sich. Jetzt haben sie es fast schon hinter sich. Ich gehe noch ein Stück weiter, drehe dann um. Die einsame Raucherin hat jetzt eine Trommel hervorgeholt und schlägt einige Rhythmen, zwei Passanten ruft sie hinterher: “Ihr fresst zuviel!” Ich muss grinsen.
Wieder passiere ich den traurigen Mann. Diesmal fragt er mich nach einer Zigarette. Ich halte an. “Leider Nichtraucher.” Er schaut mich an, seine Augen sind klar, er hat keine Fahne. “Vielleicht n Bisschen Kleingeld?” Seine Frage wirkt mechanisch, so als müsse er sie stellen. Ich schaue ihn an, gebe ihm alles was ich dabeihabe. Er lächelt und schlägt sich mit der Faust auf die linke Brust: “Respekt.” “Bis bald”, sage ich aus irgendeinem Grund. Dann winkt er mir noch. Ich gehe zurück zum Ausgang.

Montag, 9. Juni 2014


9.6.14
Der Tag beginnt mit einer sonderbaren Begebenheit:
Ein lauter Rumms auf meinem Balkon reißt mich etwas unsanft aus dem Schlaf. “Was war das?” fährt es mir durch den Kopf “ist was kaputt gegangen?” Ich springe auf, eile leicht verwirrt zum Balkon. Ein Blumentopf ist umgestürzt, aber erstaunlicherweise nichts kaputt.
Was aber der Lärm verursacht hat, ist wirklich kurios: dort liegt ein weißes Modellflugzeug, Spannweite etwa einen Meter fünzig, rote Flammenschweife sind auf den Tragflächen aufgedruckt. “Wo kommt das denn her?” Ich bin verdutzt, beuge mich über die Reling meines Balkons und spähe hinaus auf die Straße. Niemand zu sehen, der ein Flugzeug vermisst oder mit einer Fernbedienung ziellos umherläuft.
Das Flugzeug macht Geräusche wie ein Vogel: es grient und zirpt, immer wieder in Abständen. Ich beuge mich zu ihm herunter. Die Mechanik funktioniert offenbar noch, denn die Höhenruder gehen sirrend auf und ab. Nur die Vorderseite ist etwas ramponiert, der Propeller dreht sich nicht mehr. Es ist ziemlich windig, also ist es wohl abgetrieben. Aber wer lässt denn bei so einem Wind ein Modellflugzeug steigen? Seltsam, seltsam.
Ich warte und schaue wieder nach unten auf die Straße. So verharre ich einige Minuten. Noch immer scheint niemand das Ding zu vermissen. Hat es der Besitzer schon abgeschrieben?

Freitag, 23. Mai 2014


22.5.14
Ein außergewöhnliches Licht über Tempelhof, die Sonne hat sich schon verabschiedet, doch der Horizont hängt rötlich-orange über der Stadt. Die ersten Sterne sind zu sehen.

Auf dem Feld viele Spaziergänger, weiter hinten steht ein gemischter acapella-Chor im Kreis und singt: „Sweet Dreams“ und „Eye of the Tiger“, eine Menschentraube hat sich um die Singenden gebildet. Ich bleibe kurz stehen, höre von einiger Entfernung zu, gehe dann weiter.

Andere Besucher haben sich ins Gras gelegt, die Arme hinter dem Nacken verschränkt und die Augen nach oben gerichtet. Obwohl die Tore eigentlich schon geschlossen wurden, sind sie noch da. Sie machen keine Anstalten, nach Hause zu gehen, bleiben hier, bis das letzte Licht hinter dem langgestreckten Flughafengebäude verschwunden ist. Vielleicht bleiben sie die ganze Nacht. Ein Liebespaar zieht Arm in Arm an mir vorbei. Über ihren Köpfen dieser unverschämt weite Himmel, der einzigartig ist und nur hier zu existieren scheint.

Auf dem Rückweg entsteht plötzlich ein Stau am Drehkreuz: ein Flaschensammler bleibt mit seinem prall gefüllten Einkaufswagen darin hängen, es geht weder vor noch zurück. Die Leute warten geduldig, einige müssen lachen. Nach einigem Hin und Her kann der Pfandkönig das verkeilte Rad seines Wagens lösen und es geht weiter. Applaus von den Wartenden. Sie setzen sich langsam in Bewegung und wandern hinaus ins Freie. Dann zerstreuen sie sich in den warmen Abend.