Dienstag, 2. Dezember 2014


30.10.14
Mein Stammcafé in Neukölln ist ein Backshop. Hier sitze ich, trinke Kaffee aus einem Pappbecher auf dem “Café” steht, schaue den Leuten zu, die rein- und rausgehen: kleine, gebeugte, gebeutelte Gestalten mit traurigen Gesichtern, Mütter mit Kopftüchern und Kinderwägen, Punks, Bärtige, Teenies mit Glitzerjacken und Lederstiefeln, die sich gekühlte Cola in Plastikflaschen kaufen, einen Kaffee, eine Süßigkeit oder einen Moment Ruhe, bevor sie wieder hinaus auf die laute Straße gehen und im Gedränge vor der Ampel verschwinden, alte, orientalische Herren mit Schiebermützen, die stundenlang auf den schmucklosen Bänken sitzen und sich unterhalten, eine winzige, alte Dame mit geblümten Kleid, die freundlich und zahnlos lächelt, dabei dem Kassierer zuwinkt und ihm ein etwas rostiges “auf Wiedersehen” zuruft. Der Kassierer, ein hagerer Mann mit langen Haaren, der seine Augen unter einer roten Schirmmütze versteckt, aber sehr aufmerksam ist, abwechselnd kassiert, die Tische abräumt, Plastiktabletts stapelt und mit einem blauen Schwammtuch säubert, kennt sie schon und grüßt zurück. Drei Mädchen neben mir schwärmen von einer Traumreise nach Neuseeland, ein Typ mit Kopfhörern und polnischem Akzent fragt sie: "Könnt ihr mal mein Laptop bewachen?" und verschwindet aufs Klo. Neukölln, wie es vielleicht war, bevor die Hipster kamen.

Sonntag, 7. September 2014


19.8.14
Unter meinem Fenster an der Ampel steht der Mützenmann. Er taucht oft plötzlich auf, steht dort unten, wartet, schaut vor sich hin, bewegt sein Kinn mit dem strähnigen Bart, als murmele er einige Worte hinein. Er trägt selbst im Hochsommer einen dicken Anorak, Militärhosen mit schweren Schuhen und eine russische Fellmütze. Scheinbar wartet er darauf, dass die Ampel auf Grün schaltet, doch das ist ein Irrtum. Die Ampel schaltet um, er geht nicht. Er bleibt weiter dort stehen, starrt wieder vor sich hin, dann von links nach rechts, schwankt leicht, so als sei er unentschlossen. Die Ampel schaltet wieder auf Rot. Er steht und wartet. So verharrt er für eine sehr lange Zeit, ohne sich von der Stelle zu rühren. Heute ist es anders: die Ampel schaltet auf Grün, er blickt von links nach rechts und überquert die Straße, verschwindet dann aus meinem Sichtfeld. Ich habe ihn seither nicht wiedergesehen.

Dienstag, 19. August 2014


18.8.14
Ich trete hinaus auf die Straße und schaue auf die Häuserfassaden und den windigen Himmel. Ein leichter, erlösender Sprühregen hebt an, nässt das Pflaster unter meinen Sohlen, verwandelt es in eine blanke, spiegelnde Fläche und beendet den Hochsommer. Die Zeit der Sandalen, kurzen Hosen und Achselhemden geht nun vorbei.
Auf meinem Weg zur U-Bahn kommt mir strammen Schrittes eine Mutter mit wogenden Brüsten und Kinderwagen entgegen. Das Kind sitzt aufrecht im Wagen und trägt einen dicken Helm, dreht den Kopf in meine Richtung. Sie trägt ein pflaumenfarbenes Achselhemd, gegen dessen gerippten Stoff sich ihre Brustwarzen deutlich abzeichnen und lächelt mir entgegen. Ich lächle zurück und gehe schnell an ihr vorbei. Der Regen wird stärker und alle Passanten flüchten sich unter die Bäume. Ich haste über die Straße und suche Schutz im U-Bahnschacht. Wie alle Jahre wieder.

Dienstag, 22. Juli 2014


9.6.14 (2)
Jetzt bin ich unfreiwilliger Besitzer eines Modellflugzeugs. Was mache ich mit dem Ding?
Ich beschließe, es dorthin zu bringen, wo es vermutlich hergekommen ist: zum Flugfeld. Ich klemme es unter den Arm und mache mich auf den Weg.
Die meisten Leute schauen mich amüsiert an, halten mich wohl für ein großes Kind, doch auch die Kinder reagieren, schauen mit großen Augen erst auf mich, dann auf das Flugzeug. Unterwegs passiere ich ein Café, ein Engländer mit Gitarre neben seinem Stuhl, ruft: “Hahaha, drone-attack!” “Yes, something like that” lache ich zurück.
Ich erreiche das Feld. Obwohl es noch recht früh ist, ist es schon sehr heiß, die Hitze flimmert leicht über den Asphalt. Ich gehe die Startbahn entlang. Auch hier niemand zu sehen, der ein Flugzeug vermisst. Ich gehe weiter, es wird heißer und heißer. Schließlich biege ich, um etwas Schatten zu suchen, in einen Seitenweg und begegne einem Vater mit seinem kleinen Sohn an der Hand. Der Kleine reißt die Arme hoch, als er mich sieht und ruft: “Ohhh, Flugzeug!” Ich beuge mich zu ihm und sage: “Möchtest Du es haben? Ich schenke es Dir.” “Brauchen Sie es denn nicht selbst?” fragt mich der Vater. “Es gehört mir garnicht, es ist mir zugeflogen.” Der Vater bedankt sich sehr herzlich, der Sohn strahlt übers ganze Gesicht. “Der Propeller ist etwas beschädigt”, sage ich noch. “Kein Problem, das kann ich kleben”, meint der Vater. Dann machen sie sich auf den Weg. “Auf Wiedersehen”, sage ich und sehe ihnen hinterher.

Mittwoch, 2. Juli 2014


2.7.14
Spruch des Tages. Auf einem großen Berliner Werbeplakat lese ich folgendes: “Ich höre nie auf zu suchen, freue mich aber immer, wenn ich nichts finde.”

Samstag, 28. Juni 2014


27.6.14
Mit vollen Einkaufstüten in den Händen bin ich auf dem Nachhauseweg. Plötzlich vor mir auf dem Bürgersteig eine umgekehrte Schrift, mit gelber Kreide dort hingeschrieben. Ich halte kurz an, drehe den Kopf und lese, was da steht: “Ich will ich sein”. Ein Stückchen weiter kommt die nächste Schrift, wieder halte ich an und lese: “Du drehst Dich um und niemand ist da”. Ich muss lächeln. Nachdem ich die Hauptstraße überquert habe und in eine Seitenstraße einbiege, begegnet mir wieder die gelbe Kreideschrift. Diesmal steht dort: “We want change!”
Streetpoetry in Berlin.

Donnerstag, 26. Juni 2014


26.6.14
Der Mauerpark. Dort liegt er wie ein Denkmal der Neunziger Jahre. Die Wolkendecke lockert etwas auf und die Sonne zeigt sich. Es sind nur wenige Leute unterwegs, einige Radfahrer, eine einsame Raucherin. Auf dem Weg steht eine traurige Gestalt mit schwarzer Mütze, schwarzer abgetragener Jacke und ausgelatschten Turnschuhen. Als ich vorbeigehe, erwarte ich schon die obligatorische Ansprache: “Tschuldigung, haste vielleicht n Bisschen Kleingeld?” aber sie kommt nicht. Stattdessen hebt der traurige Mann nur kurz den Blick und senkt ihn wieder.
Ich gehe ein Stück weiter, unter einer Baumgruppe auf einer Mauer sitzen Mittfünziger und unterhalten sich. Vor zwanzig Jahren, die Zeit nach dem Mauerfall, waren sie in meinem Alter, vielleicht saßen sie damals auch schon hier, ihr halbes Leben noch vor sich. Jetzt haben sie es fast schon hinter sich. Ich gehe noch ein Stück weiter, drehe dann um. Die einsame Raucherin hat jetzt eine Trommel hervorgeholt und schlägt einige Rhythmen, zwei Passanten ruft sie hinterher: “Ihr fresst zuviel!” Ich muss grinsen.
Wieder passiere ich den traurigen Mann. Diesmal fragt er mich nach einer Zigarette. Ich halte an. “Leider Nichtraucher.” Er schaut mich an, seine Augen sind klar, er hat keine Fahne. “Vielleicht n Bisschen Kleingeld?” Seine Frage wirkt mechanisch, so als müsse er sie stellen. Ich schaue ihn an, gebe ihm alles was ich dabeihabe. Er lächelt und schlägt sich mit der Faust auf die linke Brust: “Respekt.” “Bis bald”, sage ich aus irgendeinem Grund. Dann winkt er mir noch. Ich gehe zurück zum Ausgang.