Montag, 18. Mai 2015


13.5.15
Am U-Bahnsteig Boddinstraße begegnet mir der Dandy. Ich nenne ihn so, weil er aussieht, wie aus einem der großformatigen Schwarzweißbilder entsprungen, die seit Renovierung der Station vor einigen Monaten an den Haltestellenwänden hängen und Neuköllner Straßenszenen der 20er und 30er Jahre zeigen. Er trägt weite Hosen, beige, mit Buntfalte, Schiebermütze, hochgekrempeltes, ockerfarbenes Hemd, Weste darüber, aber lose, nicht zugeknöpft. Im Winter habe ich ihn auch schon manchmal gesehen, den Dandy, da trug er Mantel und Hut, dazu immer korrekt gewichste und gebürstete Schuhe, er kam in dieser Aufmachung unter meinem Fenster vorbei oder mir auf der Straße entgegen. 
Heute ist er mit seiner Freundin unterwegs, hält eine Bierflasche in seiner rechten Hand. Und er spricht deutsch, was mich überrascht, bisher hatte ich ihn immer für einen Engländer gehalten. Seine Augen sind hellblau und glasig, sein Gesichtsausdruck melancholisch bis traurig, abwesend, er schaut sich um, als suche er etwas, vielleicht etwas, das er vor langer Zeit verloren hat. Er steigt in die Bahn, die eben eingefahren ist, seine Geliebte an der Hand. 
Ich steige ebenfalls ein, fahre aber nur eine Station.

Sonntag, 3. Mai 2015


2.5.15
Ich rolle wieder ein in Berlin. Die Stadt zeigt mir ihre Lichter und ihre Weitläufigkeit und es ist ruhig. Verblüffend ruhig. Ich fühle mich an mein erstes Mal erinnert, mein erstes Mal mit Berlin: Teenager aus der Provinz trifft Diva, die Königin der Nacht und ist hingerissen von ihrem Abendkleid und ihrer Schminke. (Das Deo hat sie vergessen, aber sie trägt ein starkes Parfum.) So hingerissen ist er, dass ihm der Mund offenstehen bleibt. Über die Jahre hat er sie besser kennengelernt, ihre verkaterte Visage am Morgen und ihr zerrupftes Haar, die Löcher in ihren Strümpfen und die abgelatschten Absätze an ihren hohen Schuhen.
Doch sie hat ihn immernoch, ihren nächtlichen Glanz, sie kann es immernoch: Berlin, Königin der Nacht. Sie ist noch immer eine nächtliche Verführerin. Auch wenn sie jetzt tagsüber putzen geht. Manchmal. Aber Gottseidank ist morgen Sonntag.

Dienstag, 24. Februar 2015


22.2.15
Am Herrfurthplatz
In einem Neuköllner Café mit Hipstern, neben mir drei Hipsterfamilien mit zwei verschiedenen Kindern. Erst reden sie über Tennis und Investoren, es klingt, als ob sie Drehbuchphrasen einer Daily Soap aufsagen, dann verschiebt sich das Gespräch hin zu Oliven und Jogginganzügen.
Drei Kellnerinnen arbeiten hinter dem Tresen, alle drei mit kurzen Ärmeln und freien Achseln, die eine legt romantische Fingerpicking-Musik auf. Ich fühle mich plötzlich wie in einem Kinderzimmer, ein Laptophipster lehnt sich an die Scheibe und schwingt im Rhythmus der Musik leicht mit. Jetzt kommen die Kinder zu Wort, sie sind sehr sympathisch und wirken aufgeräumt, garnicht hipstermäßig, es ist fast, als würden sie ihren Eltern die Welt erklären.

Montag, 2. Februar 2015


2.2.15

Am Gleisdreieck

Ich steige an meiner Lieblingshaltestelle aus der U-Bahn: Gleisdreieck. Hier ist es immer seltsam ruhig für Berliner Verhältnisse, vermutlich, weil hier eigentich niemand wohnt, es ist ein reiner Umsteigebahnhof und trotzdem ist er für mich der Inbegriff, gewissermaßen die Essenz aller Berliner Stadtbahnhöfe.

Das Gleisdreieck ist eigentlich garkein Dreieck, sondern ein Kreuz und die U-Bahn, ist hier eigentlich garkeine U-Bahn, da sie hier oberirdisch fährt. Sie rauscht über das einstige Niemandsland, in dem, trotz bemühter Neubegrünung noch immer eine eigenartig unbelebte, abgeschiedene Atmosphäre herrscht.

Auf der einen Seite werden jetzt die alten Backsteinbögen, die in früheren Zeiten die Gleiskörper trugen, abgerissen, eine Art Trümmerfeld, das noch letzte Zeichen von Benutzung trägt: buntbemalte Türen, ein gefliestes, auf einer Seite aufgerissenes Badezimmer, das zerschlissene Schild einer verschwundenen Autowerkstatt, über einem toten Eingang ein Kutschenrad, das nur noch aus Speichen besteht und aussieht, wie ein verrosteter Stern.

Auf der anderen Seite, erheben sich die Neubauten wie seelenlose Gesichter, einige schon fertig, andere noch im Bau, der Wind trägt Maschinenlärm herüber. Letzte Zeichen einer gespaltenen Stadt, das neue Berlin breitet sich schon aus, das alte verschwindet langsam unter der Baggerschaufel. Dazwischen einige Jogger und verlorene Radfahrer. Eine Mutter mit Kinderwagen überholt mich und steuert auf den Parkausgang zu, entlang der überdimensionalen Rosenblüten, die als Statuen einen aufgeschütteten Wall säumen. Dahinter ein orangefarbenes Gebäude: “Premium Parking” flattert dort als Botschaft auf einem weißen Plakat.

Dienstag, 2. Dezember 2014


30.10.14
Mein Stammcafé in Neukölln ist ein Backshop. Hier sitze ich, trinke Kaffee aus einem Pappbecher auf dem “Café” steht, schaue den Leuten zu, die rein- und rausgehen: kleine, gebeugte, gebeutelte Gestalten mit traurigen Gesichtern, Mütter mit Kopftüchern und Kinderwägen, Punks, Bärtige, Teenies mit Glitzerjacken und Lederstiefeln, die sich gekühlte Cola in Plastikflaschen kaufen, einen Kaffee, eine Süßigkeit oder einen Moment Ruhe, bevor sie wieder hinaus auf die laute Straße gehen und im Gedränge vor der Ampel verschwinden, alte, orientalische Herren mit Schiebermützen, die stundenlang auf den schmucklosen Bänken sitzen und sich unterhalten, eine winzige, alte Dame mit geblümten Kleid, die freundlich und zahnlos lächelt, dabei dem Kassierer zuwinkt und ihm ein etwas rostiges “auf Wiedersehen” zuruft. Der Kassierer, ein hagerer Mann mit langen Haaren, der seine Augen unter einer roten Schirmmütze versteckt, aber sehr aufmerksam ist, abwechselnd kassiert, die Tische abräumt, Plastiktabletts stapelt und mit einem blauen Schwammtuch säubert, kennt sie schon und grüßt zurück. Drei Mädchen neben mir schwärmen von einer Traumreise nach Neuseeland, ein Typ mit Kopfhörern und polnischem Akzent fragt sie: "Könnt ihr mal mein Laptop bewachen?" und verschwindet aufs Klo. Neukölln, wie es vielleicht war, bevor die Hipster kamen.

Sonntag, 7. September 2014


19.8.14
Unter meinem Fenster an der Ampel steht der Mützenmann. Er taucht oft plötzlich auf, steht dort unten, wartet, schaut vor sich hin, bewegt sein Kinn mit dem strähnigen Bart, als murmele er einige Worte hinein. Er trägt selbst im Hochsommer einen dicken Anorak, Militärhosen mit schweren Schuhen und eine russische Fellmütze. Scheinbar wartet er darauf, dass die Ampel auf Grün schaltet, doch das ist ein Irrtum. Die Ampel schaltet um, er geht nicht. Er bleibt weiter dort stehen, starrt wieder vor sich hin, dann von links nach rechts, schwankt leicht, so als sei er unentschlossen. Die Ampel schaltet wieder auf Rot. Er steht und wartet. So verharrt er für eine sehr lange Zeit, ohne sich von der Stelle zu rühren. Heute ist es anders: die Ampel schaltet auf Grün, er blickt von links nach rechts und überquert die Straße, verschwindet dann aus meinem Sichtfeld. Ich habe ihn seither nicht wiedergesehen.

Dienstag, 19. August 2014


18.8.14
Ich trete hinaus auf die Straße und schaue auf die Häuserfassaden und den windigen Himmel. Ein leichter, erlösender Sprühregen hebt an, nässt das Pflaster unter meinen Sohlen, verwandelt es in eine blanke, spiegelnde Fläche und beendet den Hochsommer. Die Zeit der Sandalen, kurzen Hosen und Achselhemden geht nun vorbei.
Auf meinem Weg zur U-Bahn kommt mir strammen Schrittes eine Mutter mit wogenden Brüsten und Kinderwagen entgegen. Das Kind sitzt aufrecht im Wagen und trägt einen dicken Helm, dreht den Kopf in meine Richtung. Sie trägt ein pflaumenfarbenes Achselhemd, gegen dessen gerippten Stoff sich ihre Brustwarzen deutlich abzeichnen und lächelt mir entgegen. Ich lächle zurück und gehe schnell an ihr vorbei. Der Regen wird stärker und alle Passanten flüchten sich unter die Bäume. Ich haste über die Straße und suche Schutz im U-Bahnschacht. Wie alle Jahre wieder.