Montag, 11. Januar 2016


2.12.15
Am Kottbusser Tor
Kurz vor zwölf nachts, an einem Mittwoch. Raus aus der U1, die ewig dreckige Rolltreppe runter zur U8. Leute hetzen, sind gehetzt oder genervt oder beides. Schnell noch die letzten U-Bahnen kriegen. Besoffene Hipster, verzweifeltes Partyvolk.
Plötzlich gibt es Musik. Sie schallt von unten die Rolltreppe rauf, kommt überraschend, direkt aus dem Innern der U-Bahnstation. Als ich unten im Zwischengeschoss angekommen bin, sehe ich einen dicken, kurzsichtigen Typen mit starker Brille und schwarzem T-Shirt und einen E-Bass-Spieler mit Bart, der einige Akkorde zupft. Der Dicke rappt: “Du bist nicht allein…. Hab keine Angst… Du bist das Wunder… Gott ist ein Teil von Dir...” Verblüfft bleibe ich stehen und sehe den beiden zu. Der seltsame Rapper sieht wie ein verträumter Virtuose aus, spaziert entrückt auf und ab, vollführt eine Art Tanz, mit den Augen nach oben gerichtet. Der E-Bass-Spieler hat seine Augen geschlossen und zupft. Einige andere Passanten bleiben ebenfalls stehen, hören zu. Kurzes Bass-Solo. Ein Typ geht auf den Dicken zu und reicht ihm eine Zigarette, die dieser zunächst ablehnt, dann nimmt er doch einen Zug. Ein Liebespaar bleibt stehen und beginnt zu knutschen. Ich gehe weiter, höre wieder die Stimme des Dicken, jetzt nur noch undeutlich bis zum Bahnsteig. Plötzlich breitet sich eine eigenartige Ruhe aus. Berlin-Moment.

Montag, 26. Oktober 2015


21.10.15 (1)
Ich steige aus der U-Bahn an der Mohrenstraße, die Treppen rauf am Eingang streckt mir ein preussischer Feldmarschall seinen bronzenen Arsch entgegen. Teil eines erstarrten Balletts rund um den Zietenplatz, bestehend aus lauter preussischen Feldmarschallen und Generälen. Dazwischen einige verblühte Rosenbeete. Ich gehe ein Bisschen umher, setze mich auf eine der Bänke, lese die Infotafel für Touristen. Dann blicke ich die Seitenstraße herunter, stehe auf und gehe geradeaus. Rechter Hand stoße ich auf das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, ehemals Reichspropagandaministerium, Nahles sitzt nun also bei Goebbels. Ich kratze mich am Hinterkopf. Über dem Eingang ein großes Plakat, das zu einer Ausstellung einlädt: deutsche Sozialgeschichte von Anfang bis heute. “Da gehe ich doch rein!” denke ich mir und steuere stracks auf den Türsteher zu. Er schwenkt gelangweilt seine Ausweiskarte am Bändel. “Entschuldigen Sie, kann ich in diese Ausstellung rein?” Er freut sich, dass überhaupt mal jemand hier vorbeikommt und strahlt mir entgegen: “Aber natürlich!” Der Türsummer summt und ich bin drin, im Reichspropagandaministerium, hübsch renoviert, der überdachte Innenhof sieht noch immer etwas nach alten Kadern aus.
In der Ausstellung bin ich allein. Keine einzige Sterbensseele außer mir. Sie besteht auch nur aus aufgestellten Infotafeln, im Kreis gruppiert und ist langweilig. Eigentlich hätte ich gerne das Ministerium von innen gesehen, aber die anderen Türen sind für Besucher geschlossen. Nach einigen Pflichtminuten im Ausstellungsraum, gehe ich wieder. Es warten noch andere interessante Gebäude in unmittelbarer Umgebung auf mich...

Freitag, 26. Juni 2015


13.5.15 (3)
Am Maybachufer. Ich gehe ein gutes Stück am Kanal entlang. Von der anderen Seite höre ich laute Stimmen, die auf sich aufmerksam machen wollen. Eigentlich ist es zu kalt für Feiern im Freien und jeden Moment könnte es regnen, denn der Wind ist frisch. Doch die nächtlichen Feierer machen Propaganda für sich selbst. Sie wollen allen beweisen, dass sie Spaß haben. Wer glaubt ihnen das?
Ich erreiche das Areal um die Weserstraße, bewege mich durch die Ströme der Vergnügungssüchtigen, die wie in einem Freizeitpark die Attraktionen suchen, oder sich rauchend in den Schaufenstern der namenlosen Szenecafés und -kneipen selbst ausstellen. Auf der rechten Straßenseite parkt ein Transporter mit einer Aufschrift, die vermutlich ein Werbeslogan oder vielleicht der Titel einer Fernsehserie ist und, wie mir scheint, die Frage des Abends aufwirft: “Könnt ihr entkommen?” Ich bin müde und werfe einen letzten Blick in das letzte Schaufenster der letzten Kneipe an der letzten Ecke und biege links ab. Ab nach Hause.
Kurz vor meiner Haustür begegnet mir der Dandy wieder, diesmal allein und ohne Bierflasche, er biegt um die Ecke und ich schaue ihm kurz nach, sehe, dass er im Haus nebenan wohnt. Wir sind also Nachbarn.

Mittwoch, 3. Juni 2015


13.5.15 (2)
Hermannplatz. Ich steige aus. Es ist erstaunlich zu sehen, wie er sich von einem Drogenplatz langsam zu einem Jugendtreffpunkt mausert. Oder sich einfach alles durchmischt. Vielleicht kann ich die Junkies nicht mehr von den Studenten unterscheiden. Den Dandy habe ich aus den Augen verloren. Ist er noch in der U-Bahn? Ich drehe mich kurz um die eigene Achse und gehe in Richtung Kottbusser Damm, viele Bierflaschen und Bärte kommen mir hier entgegen. Dazwischen immer wieder toupierte, blondierte Haare und schwarze, blickdickte Strumpfhosen, die in hellbraunen, dünnen Lederschuhen mit Reißverschluss stecken. Ein hektischer Mann ohne Jacke, in weinrotem Pullover und kariertem Hemdkragen geht aufgeregt die Straße auf und ab, überholt mich zweimal, bleibt stehen, raucht nervös den Zigarettenstummel, den er zwischen den Fingern hält und redet dabei mit sich selbst. “Man stelle sich das vor… Man stelle sich das vor...” sagt er immer wieder vor sich hin.

Montag, 18. Mai 2015


13.5.15
Am U-Bahnsteig Boddinstraße begegnet mir der Dandy. Ich nenne ihn so, weil er aussieht, wie aus einem der großformatigen Schwarzweißbilder entsprungen, die seit Renovierung der Station vor einigen Monaten an den Haltestellenwänden hängen und Neuköllner Straßenszenen der 20er und 30er Jahre zeigen. Er trägt weite Hosen, beige, mit Buntfalte, Schiebermütze, hochgekrempeltes, ockerfarbenes Hemd, Weste darüber, aber lose, nicht zugeknöpft. Im Winter habe ich ihn auch schon manchmal gesehen, den Dandy, da trug er Mantel und Hut, dazu immer korrekt gewichste und gebürstete Schuhe, er kam in dieser Aufmachung unter meinem Fenster vorbei oder mir auf der Straße entgegen. 
Heute ist er mit seiner Freundin unterwegs, hält eine Bierflasche in seiner rechten Hand. Und er spricht deutsch, was mich überrascht, bisher hatte ich ihn immer für einen Engländer gehalten. Seine Augen sind hellblau und glasig, sein Gesichtsausdruck melancholisch bis traurig, abwesend, er schaut sich um, als suche er etwas, vielleicht etwas, das er vor langer Zeit verloren hat. Er steigt in die Bahn, die eben eingefahren ist, seine Geliebte an der Hand. 
Ich steige ebenfalls ein, fahre aber nur eine Station.

Sonntag, 3. Mai 2015


2.5.15
Ich rolle wieder ein in Berlin. Die Stadt zeigt mir ihre Lichter und ihre Weitläufigkeit und es ist ruhig. Verblüffend ruhig. Ich fühle mich an mein erstes Mal erinnert, mein erstes Mal mit Berlin: Teenager aus der Provinz trifft Diva, die Königin der Nacht und ist hingerissen von ihrem Abendkleid und ihrer Schminke. (Das Deo hat sie vergessen, aber sie trägt ein starkes Parfum.) So hingerissen ist er, dass ihm der Mund offenstehen bleibt. Über die Jahre hat er sie besser kennengelernt, ihre verkaterte Visage am Morgen und ihr zerrupftes Haar, die Löcher in ihren Strümpfen und die abgelatschten Absätze an ihren hohen Schuhen.
Doch sie hat ihn immernoch, ihren nächtlichen Glanz, sie kann es immernoch: Berlin, Königin der Nacht. Sie ist noch immer eine nächtliche Verführerin. Auch wenn sie jetzt tagsüber putzen geht. Manchmal. Aber Gottseidank ist morgen Sonntag.

Dienstag, 24. Februar 2015


22.2.15
Am Herrfurthplatz
In einem Neuköllner Café mit Hipstern, neben mir drei Hipsterfamilien mit zwei verschiedenen Kindern. Erst reden sie über Tennis und Investoren, es klingt, als ob sie Drehbuchphrasen einer Daily Soap aufsagen, dann verschiebt sich das Gespräch hin zu Oliven und Jogginganzügen.
Drei Kellnerinnen arbeiten hinter dem Tresen, alle drei mit kurzen Ärmeln und freien Achseln, die eine legt romantische Fingerpicking-Musik auf. Ich fühle mich plötzlich wie in einem Kinderzimmer, ein Laptophipster lehnt sich an die Scheibe und schwingt im Rhythmus der Musik leicht mit. Jetzt kommen die Kinder zu Wort, sie sind sehr sympathisch und wirken aufgeräumt, garnicht hipstermäßig, es ist fast, als würden sie ihren Eltern die Welt erklären.

Montag, 2. Februar 2015


2.2.15

Am Gleisdreieck

Ich steige an meiner Lieblingshaltestelle aus der U-Bahn: Gleisdreieck. Hier ist es immer seltsam ruhig für Berliner Verhältnisse, vermutlich, weil hier eigentich niemand wohnt, es ist ein reiner Umsteigebahnhof und trotzdem ist er für mich der Inbegriff, gewissermaßen die Essenz aller Berliner Stadtbahnhöfe.

Das Gleisdreieck ist eigentlich garkein Dreieck, sondern ein Kreuz und die U-Bahn, ist hier eigentlich garkeine U-Bahn, da sie hier oberirdisch fährt. Sie rauscht über das einstige Niemandsland, in dem, trotz bemühter Neubegrünung noch immer eine eigenartig unbelebte, abgeschiedene Atmosphäre herrscht.

Auf der einen Seite werden jetzt die alten Backsteinbögen, die in früheren Zeiten die Gleiskörper trugen, abgerissen, eine Art Trümmerfeld, das noch letzte Zeichen von Benutzung trägt: buntbemalte Türen, ein gefliestes, auf einer Seite aufgerissenes Badezimmer, das zerschlissene Schild einer verschwundenen Autowerkstatt, über einem toten Eingang ein Kutschenrad, das nur noch aus Speichen besteht und aussieht, wie ein verrosteter Stern.

Auf der anderen Seite, erheben sich die Neubauten wie seelenlose Gesichter, einige schon fertig, andere noch im Bau, der Wind trägt Maschinenlärm herüber. Letzte Zeichen einer gespaltenen Stadt, das neue Berlin breitet sich schon aus, das alte verschwindet langsam unter der Baggerschaufel. Dazwischen einige Jogger und verlorene Radfahrer. Eine Mutter mit Kinderwagen überholt mich und steuert auf den Parkausgang zu, entlang der überdimensionalen Rosenblüten, die als Statuen einen aufgeschütteten Wall säumen. Dahinter ein orangefarbenes Gebäude: “Premium Parking” flattert dort als Botschaft auf einem weißen Plakat.

Dienstag, 2. Dezember 2014


30.10.14
Mein Stammcafé in Neukölln ist ein Backshop. Hier sitze ich, trinke Kaffee aus einem Pappbecher auf dem “Café” steht, schaue den Leuten zu, die rein- und rausgehen: kleine, gebeugte, gebeutelte Gestalten mit traurigen Gesichtern, Mütter mit Kopftüchern und Kinderwägen, Punks, Bärtige, Teenies mit Glitzerjacken und Lederstiefeln, die sich gekühlte Cola in Plastikflaschen kaufen, einen Kaffee, eine Süßigkeit oder einen Moment Ruhe, bevor sie wieder hinaus auf die laute Straße gehen und im Gedränge vor der Ampel verschwinden, alte, orientalische Herren mit Schiebermützen, die stundenlang auf den schmucklosen Bänken sitzen und sich unterhalten, eine winzige, alte Dame mit geblümten Kleid, die freundlich und zahnlos lächelt, dabei dem Kassierer zuwinkt und ihm ein etwas rostiges “auf Wiedersehen” zuruft. Der Kassierer, ein hagerer Mann mit langen Haaren, der seine Augen unter einer roten Schirmmütze versteckt, aber sehr aufmerksam ist, abwechselnd kassiert, die Tische abräumt, Plastiktabletts stapelt und mit einem blauen Schwammtuch säubert, kennt sie schon und grüßt zurück. Drei Mädchen neben mir schwärmen von einer Traumreise nach Neuseeland, ein Typ mit Kopfhörern und polnischem Akzent fragt sie: "Könnt ihr mal mein Laptop bewachen?" und verschwindet aufs Klo. Neukölln, wie es vielleicht war, bevor die Hipster kamen.

Sonntag, 7. September 2014


19.8.14
Unter meinem Fenster an der Ampel steht der Mützenmann. Er taucht oft plötzlich auf, steht dort unten, wartet, schaut vor sich hin, bewegt sein Kinn mit dem strähnigen Bart, als murmele er einige Worte hinein. Er trägt selbst im Hochsommer einen dicken Anorak, Militärhosen mit schweren Schuhen und eine russische Fellmütze. Scheinbar wartet er darauf, dass die Ampel auf Grün schaltet, doch das ist ein Irrtum. Die Ampel schaltet um, er geht nicht. Er bleibt weiter dort stehen, starrt wieder vor sich hin, dann von links nach rechts, schwankt leicht, so als sei er unentschlossen. Die Ampel schaltet wieder auf Rot. Er steht und wartet. So verharrt er für eine sehr lange Zeit, ohne sich von der Stelle zu rühren. Heute ist es anders: die Ampel schaltet auf Grün, er blickt von links nach rechts und überquert die Straße, verschwindet dann aus meinem Sichtfeld. Ich habe ihn seither nicht wiedergesehen.

Dienstag, 19. August 2014


18.8.14
Ich trete hinaus auf die Straße und schaue auf die Häuserfassaden und den windigen Himmel. Ein leichter, erlösender Sprühregen hebt an, nässt das Pflaster unter meinen Sohlen, verwandelt es in eine blanke, spiegelnde Fläche und beendet den Hochsommer. Die Zeit der Sandalen, kurzen Hosen und Achselhemden geht nun vorbei.
Auf meinem Weg zur U-Bahn kommt mir strammen Schrittes eine Mutter mit wogenden Brüsten und Kinderwagen entgegen. Das Kind sitzt aufrecht im Wagen und trägt einen dicken Helm, dreht den Kopf in meine Richtung. Sie trägt ein pflaumenfarbenes Achselhemd, gegen dessen gerippten Stoff sich ihre Brustwarzen deutlich abzeichnen und lächelt mir entgegen. Ich lächle zurück und gehe schnell an ihr vorbei. Der Regen wird stärker und alle Passanten flüchten sich unter die Bäume. Ich haste über die Straße und suche Schutz im U-Bahnschacht. Wie alle Jahre wieder.

Dienstag, 22. Juli 2014


9.6.14 (2)
Jetzt bin ich unfreiwilliger Besitzer eines Modellflugzeugs. Was mache ich mit dem Ding?
Ich beschließe, es dorthin zu bringen, wo es vermutlich hergekommen ist: zum Flugfeld. Ich klemme es unter den Arm und mache mich auf den Weg.
Die meisten Leute schauen mich amüsiert an, halten mich wohl für ein großes Kind, doch auch die Kinder reagieren, schauen mit großen Augen erst auf mich, dann auf das Flugzeug. Unterwegs passiere ich ein Café, ein Engländer mit Gitarre neben seinem Stuhl, ruft: “Hahaha, drone-attack!” “Yes, something like that” lache ich zurück.
Ich erreiche das Feld. Obwohl es noch recht früh ist, ist es schon sehr heiß, die Hitze flimmert leicht über den Asphalt. Ich gehe die Startbahn entlang. Auch hier niemand zu sehen, der ein Flugzeug vermisst. Ich gehe weiter, es wird heißer und heißer. Schließlich biege ich, um etwas Schatten zu suchen, in einen Seitenweg und begegne einem Vater mit seinem kleinen Sohn an der Hand. Der Kleine reißt die Arme hoch, als er mich sieht und ruft: “Ohhh, Flugzeug!” Ich beuge mich zu ihm und sage: “Möchtest Du es haben? Ich schenke es Dir.” “Brauchen Sie es denn nicht selbst?” fragt mich der Vater. “Es gehört mir garnicht, es ist mir zugeflogen.” Der Vater bedankt sich sehr herzlich, der Sohn strahlt übers ganze Gesicht. “Der Propeller ist etwas beschädigt”, sage ich noch. “Kein Problem, das kann ich kleben”, meint der Vater. Dann machen sie sich auf den Weg. “Auf Wiedersehen”, sage ich und sehe ihnen hinterher.

Mittwoch, 2. Juli 2014


2.7.14
Spruch des Tages. Auf einem großen Berliner Werbeplakat lese ich folgendes: “Ich höre nie auf zu suchen, freue mich aber immer, wenn ich nichts finde.”

Samstag, 28. Juni 2014


27.6.14
Mit vollen Einkaufstüten in den Händen bin ich auf dem Nachhauseweg. Plötzlich vor mir auf dem Bürgersteig eine umgekehrte Schrift, mit gelber Kreide dort hingeschrieben. Ich halte kurz an, drehe den Kopf und lese, was da steht: “Ich will ich sein”. Ein Stückchen weiter kommt die nächste Schrift, wieder halte ich an und lese: “Du drehst Dich um und niemand ist da”. Ich muss lächeln. Nachdem ich die Hauptstraße überquert habe und in eine Seitenstraße einbiege, begegnet mir wieder die gelbe Kreideschrift. Diesmal steht dort: “We want change!”
Streetpoetry in Berlin.

Donnerstag, 26. Juni 2014


26.6.14
Der Mauerpark. Dort liegt er wie ein Denkmal der Neunziger Jahre. Die Wolkendecke lockert etwas auf und die Sonne zeigt sich. Es sind nur wenige Leute unterwegs, einige Radfahrer, eine einsame Raucherin. Auf dem Weg steht eine traurige Gestalt mit schwarzer Mütze, schwarzer abgetragener Jacke und ausgelatschten Turnschuhen. Als ich vorbeigehe, erwarte ich schon die obligatorische Ansprache: “Tschuldigung, haste vielleicht n Bisschen Kleingeld?” aber sie kommt nicht. Stattdessen hebt der traurige Mann nur kurz den Blick und senkt ihn wieder.
Ich gehe ein Stück weiter, unter einer Baumgruppe auf einer Mauer sitzen Mittfünziger und unterhalten sich. Vor zwanzig Jahren, die Zeit nach dem Mauerfall, waren sie in meinem Alter, vielleicht saßen sie damals auch schon hier, ihr halbes Leben noch vor sich. Jetzt haben sie es fast schon hinter sich. Ich gehe noch ein Stück weiter, drehe dann um. Die einsame Raucherin hat jetzt eine Trommel hervorgeholt und schlägt einige Rhythmen, zwei Passanten ruft sie hinterher: “Ihr fresst zuviel!” Ich muss grinsen.
Wieder passiere ich den traurigen Mann. Diesmal fragt er mich nach einer Zigarette. Ich halte an. “Leider Nichtraucher.” Er schaut mich an, seine Augen sind klar, er hat keine Fahne. “Vielleicht n Bisschen Kleingeld?” Seine Frage wirkt mechanisch, so als müsse er sie stellen. Ich schaue ihn an, gebe ihm alles was ich dabeihabe. Er lächelt und schlägt sich mit der Faust auf die linke Brust: “Respekt.” “Bis bald”, sage ich aus irgendeinem Grund. Dann winkt er mir noch. Ich gehe zurück zum Ausgang.

Montag, 9. Juni 2014


9.6.14
Der Tag beginnt mit einer sonderbaren Begebenheit:
Ein lauter Rumms auf meinem Balkon reißt mich etwas unsanft aus dem Schlaf. “Was war das?” fährt es mir durch den Kopf “ist was kaputt gegangen?” Ich springe auf, eile leicht verwirrt zum Balkon. Ein Blumentopf ist umgestürzt, aber erstaunlicherweise nichts kaputt.
Was aber der Lärm verursacht hat, ist wirklich kurios: dort liegt ein weißes Modellflugzeug, Spannweite etwa einen Meter fünzig, rote Flammenschweife sind auf den Tragflächen aufgedruckt. “Wo kommt das denn her?” Ich bin verdutzt, beuge mich über die Reling meines Balkons und spähe hinaus auf die Straße. Niemand zu sehen, der ein Flugzeug vermisst oder mit einer Fernbedienung ziellos umherläuft.
Das Flugzeug macht Geräusche wie ein Vogel: es grient und zirpt, immer wieder in Abständen. Ich beuge mich zu ihm herunter. Die Mechanik funktioniert offenbar noch, denn die Höhenruder gehen sirrend auf und ab. Nur die Vorderseite ist etwas ramponiert, der Propeller dreht sich nicht mehr. Es ist ziemlich windig, also ist es wohl abgetrieben. Aber wer lässt denn bei so einem Wind ein Modellflugzeug steigen? Seltsam, seltsam.
Ich warte und schaue wieder nach unten auf die Straße. So verharre ich einige Minuten. Noch immer scheint niemand das Ding zu vermissen. Hat es der Besitzer schon abgeschrieben?

Freitag, 23. Mai 2014


22.5.14
Ein außergewöhnliches Licht über Tempelhof, die Sonne hat sich schon verabschiedet, doch der Horizont hängt rötlich-orange über der Stadt. Die ersten Sterne sind zu sehen.

Auf dem Feld viele Spaziergänger, weiter hinten steht ein gemischter acapella-Chor im Kreis und singt: „Sweet Dreams“ und „Eye of the Tiger“, eine Menschentraube hat sich um die Singenden gebildet. Ich bleibe kurz stehen, höre von einiger Entfernung zu, gehe dann weiter.

Andere Besucher haben sich ins Gras gelegt, die Arme hinter dem Nacken verschränkt und die Augen nach oben gerichtet. Obwohl die Tore eigentlich schon geschlossen wurden, sind sie noch da. Sie machen keine Anstalten, nach Hause zu gehen, bleiben hier, bis das letzte Licht hinter dem langgestreckten Flughafengebäude verschwunden ist. Vielleicht bleiben sie die ganze Nacht. Ein Liebespaar zieht Arm in Arm an mir vorbei. Über ihren Köpfen dieser unverschämt weite Himmel, der einzigartig ist und nur hier zu existieren scheint.

Auf dem Rückweg entsteht plötzlich ein Stau am Drehkreuz: ein Flaschensammler bleibt mit seinem prall gefüllten Einkaufswagen darin hängen, es geht weder vor noch zurück. Die Leute warten geduldig, einige müssen lachen. Nach einigem Hin und Her kann der Pfandkönig das verkeilte Rad seines Wagens lösen und es geht weiter. Applaus von den Wartenden. Sie setzen sich langsam in Bewegung und wandern hinaus ins Freie. Dann zerstreuen sie sich in den warmen Abend.


Sonntag, 27. April 2014


23.4.14
Ich steige aus der U-Bahn. Endstation. Einige Meter vor mir geht ein Rothaariger, er taumelt hin und her. Vielleicht betrunken? Doch als ich näherkomme, sehe ich den wahren Grund seines Schwankens: Er sucht mit einem langen metallenen Stock den Weg nach draußen. Er ist blind.
Die Kugel am Ende seines Stocks rauscht über den Boden, stößt gegen eine der blaugekachelten Säulen, rauscht wieder zurück, stößt gegen eine zweite Säule. Der Blinde bleibt stehen, er ist verwirrt, desorientiert, er trägt keine dunkle Brille und ich kann seine Augen sehen: sie sind weit aufgerissen und gehen von links nach rechts. Ich beschleunige meinen Schritt, um ihn zu ereichen.
Ein türkischer Mann mit Schnurrbart und kurzen, graumelierten Haaren kommt mir zuvor. “Kann ich ihnen helfen?”, fragt er höflich und bietet dem Blinden seinen rechten Ellenbogen an, den dieser dankend annimmt. “Vorsicht, jetzt kommt eine Treppe”, sagt der Türke mit rollendem R.
Vor mir geht das seltsame Paar die Stufen hoch. “Schaffen Sie den Rest alleine?” fragt der Türke. “Ja”, sagt der Blinde. Doch es stimmt nicht. Draußen an der Ampel geht er beinahe bei Rot über die Straße, einige Passanten rufen ihm zu. Wieder komme ich zu spät: eine kleine Frau mit dunklen Haaren fragt den Blinden, wo er hinmöchte. “Zum Bus.” “Da muss ich auch hin.” Sie führt ihn über die Straße zur Bushaltestelle. Ich schaue ihnen hinterher und biege um die Ecke, da überholt mich ein mittelgroßer Mann mit seinem Skateboard. Er ist etwa fünfzig und hat schon graue Haare, dazu trägt er einen Stoppelbart und schlabbrigen Pullover.
Der älteste Skater, der mir je begegnet ist.

Sonntag, 30. März 2014


20.3.14
Durch Zufall bin ich heute auf eine Musik von früher gestoßen. Sie hat mich damals sehr berührt, weil sie etwas Neues ausdrückte und den Soundtrack zu einem ganzen Jahrzehnt gebildet hat. Eine Essenz. Und mir fiel auf, dass so etwas heute fehlt, gerade in Berlin, was damals von diesen Klängen erfüllt war, die Kraft einer gemeinsamen Musik, eines gemeinsamen Gefühls, das alle teilen.

Freitag, 7. März 2014


11.12.11
Ich bin zu einer Adventsfeier eingeladen, in einer Kreuzköllner WG, mit selbstgemachtem Punsch und Keksen. Gastgeber ist ein Künstler, den ich noch vom Studium her kenne, ein sehr sensibler und begabter Mensch. Eigentlich hat er mit Malerei und Installationen begonnen, jetzt ist er ein Performer, trägt üppigen Vollbart und seit kurzem einen englischen Künstlernamen. Der Punsch ist gut und vernebelt mir angenehm das Hirn. Nachdem dieser, Kekse und Gesprächsthemen sich langsam dem Ende neigen und der Abend schon weit fortgeschritten ist, schlägt der Gastgeber vor, in eine Bar unweit von hier weiterzuziehen. Ich bin dabei, und noch einige andere. Nach kurzem Fußweg durch die Berliner Kälte drängeln wir uns in ein schmales, schlecht beleuchtetes, schlauchförmiges Kneipchen, drinnen geht es lustig zu: laute Musik, lautes Gelächter, Midlifers, die ausgelassen sind. In den Trubel hinein sagt der Künstler einen schönen Satz: „Ich möchte mich nicht mehr von meiner Vergangenheit dominieren lassen.“
Da ist es wieder: Berlin, das Amerika von Deutschland und der Traum, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und völlig neu zu beginnen. Doch ich sehe auch, wie unmöglich es ist: all die Dreißig- und Vierzigjährigen um mich rum, die Kreuzberg-Neukölln-Society, die Künstler und Möchtegerns, wie sie in ihrer ewigen Zwanzigjährigkeit verharren und sich hier verstecken, niemals heraustreten werden aus dem Schatten ihrer Eckkneipenthresen und Biergläser. Ich bin ratlos und etwas verwirrt, denn ich fürchte, dass mir das Selbe passieren könnte. Ich verscheuche den Gedanken und haue mir noch einen Vodka rein. Morgen ist ein neuer Tag. Ein neuer Tag in Berlin.