Sonntag, 27. April 2014


23.4.14
Ich steige aus der U-Bahn. Endstation. Einige Meter vor mir geht ein Rothaariger, er taumelt hin und her. Vielleicht betrunken? Doch als ich näherkomme, sehe ich den wahren Grund seines Schwankens: Er sucht mit einem langen metallenen Stock den Weg nach draußen. Er ist blind.
Die Kugel am Ende seines Stocks rauscht über den Boden, stößt gegen eine der blaugekachelten Säulen, rauscht wieder zurück, stößt gegen eine zweite Säule. Der Blinde bleibt stehen, er ist verwirrt, desorientiert, er trägt keine dunkle Brille und ich kann seine Augen sehen: sie sind weit aufgerissen und gehen von links nach rechts. Ich beschleunige meinen Schritt, um ihn zu ereichen.
Ein türkischer Mann mit Schnurrbart und kurzen, graumelierten Haaren kommt mir zuvor. “Kann ich ihnen helfen?”, fragt er höflich und bietet dem Blinden seinen rechten Ellenbogen an, den dieser dankend annimmt. “Vorsicht, jetzt kommt eine Treppe”, sagt der Türke mit rollendem R.
Vor mir geht das seltsame Paar die Stufen hoch. “Schaffen Sie den Rest alleine?” fragt der Türke. “Ja”, sagt der Blinde. Doch es stimmt nicht. Draußen an der Ampel geht er beinahe bei Rot über die Straße, einige Passanten rufen ihm zu. Wieder komme ich zu spät: eine kleine Frau mit dunklen Haaren fragt den Blinden, wo er hinmöchte. “Zum Bus.” “Da muss ich auch hin.” Sie führt ihn über die Straße zur Bushaltestelle. Ich schaue ihnen hinterher und biege um die Ecke, da überholt mich ein mittelgroßer Mann mit seinem Skateboard. Er ist etwa fünfzig und hat schon graue Haare, dazu trägt er einen Stoppelbart und schlabbrigen Pullover.
Der älteste Skater, der mir je begegnet ist.

Sonntag, 30. März 2014


20.3.14
Durch Zufall bin ich heute auf eine Musik von früher gestoßen. Sie hat mich damals sehr berührt, weil sie etwas Neues ausdrückte und den Soundtrack zu einem ganzen Jahrzehnt gebildet hat. Eine Essenz. Und mir fiel auf, dass so etwas heute fehlt, gerade in Berlin, was damals von diesen Klängen erfüllt war, die Kraft einer gemeinsamen Musik, eines gemeinsamen Gefühls, das alle teilen.

Freitag, 7. März 2014


11.12.11
Ich bin zu einer Adventsfeier eingeladen, in einer Kreuzköllner WG, mit selbstgemachtem Punsch und Keksen. Gastgeber ist ein Künstler, den ich noch vom Studium her kenne, ein sehr sensibler und begabter Mensch. Eigentlich hat er mit Malerei und Installationen begonnen, jetzt ist er ein Performer, trägt üppigen Vollbart und seit kurzem einen englischen Künstlernamen. Der Punsch ist gut und vernebelt mir angenehm das Hirn. Nachdem dieser, Kekse und Gesprächsthemen sich langsam dem Ende neigen und der Abend schon weit fortgeschritten ist, schlägt der Gastgeber vor, in eine Bar unweit von hier weiterzuziehen. Ich bin dabei, und noch einige andere. Nach kurzem Fußweg durch die Berliner Kälte drängeln wir uns in ein schmales, schlecht beleuchtetes, schlauchförmiges Kneipchen, drinnen geht es lustig zu: laute Musik, lautes Gelächter, Midlifers, die ausgelassen sind. In den Trubel hinein sagt der Künstler einen schönen Satz: „Ich möchte mich nicht mehr von meiner Vergangenheit dominieren lassen.“
Da ist es wieder: Berlin, das Amerika von Deutschland und der Traum, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und völlig neu zu beginnen. Doch ich sehe auch, wie unmöglich es ist: all die Dreißig- und Vierzigjährigen um mich rum, die Kreuzberg-Neukölln-Society, die Künstler und Möchtegerns, wie sie in ihrer ewigen Zwanzigjährigkeit verharren und sich hier verstecken, niemals heraustreten werden aus dem Schatten ihrer Eckkneipenthresen und Biergläser. Ich bin ratlos und etwas verwirrt, denn ich fürchte, dass mir das Selbe passieren könnte. Ich verscheuche den Gedanken und haue mir noch einen Vodka rein. Morgen ist ein neuer Tag. Ein neuer Tag in Berlin.

Donnerstag, 13. Februar 2014


7.2.14
Auf dem Tempelhofer Feld. Die erhoffte Sonne verzieht sich gerade hinter graue Wolken und ein starker, ziemlich kalter Wind zerrt an meinen Haaren. Zwei Gestalten kommen auf mich zu, zwei Frauen, die eine trägt ein Kind im Arm, die andere schiebt einen Kinderwagen vor sich her. Ich kenne sie, es sind Künstlerinnen, Bekannte von früher. Ich überlege schon, ob ich ihnen winken soll, sie kommen näher und erkennen mich nicht. Ich fühle mich seltsam erleichtert. Damals hatten sie große Pläne: sie wollten die Oper von Grund auf erneuern, neu erfinden sozusagen. Sie hatten fantastische Konzepte entworfen und diese bei einem bedeutenden Wettbewerb eingereicht. Nun treffe ich sie hier wieder: die eine ist Mutter und die andere wahrscheinlich die Patentante. Langsam und in einiger Entfernung ziehen sie an mir vorbei, wie zwei Eskimos im Schnee. Ich schaue ihnen noch kurz nach und wende meine Schritte auf die große Landebahn zu.

Samstag, 1. Februar 2014


19.11.11
Konzert mit zeitgenössischer Musik in einer Galerie für zeitgenössische Kunst in der Potsdamer Straße. Vor Beginn des Konzerts kann man die ausgestellten Objekte begutachten: Kabel, Drähte Kopfhörer, Glasscheiben, Lampen. Mit Anfassen. Interaktive Kunst.
Die Musiker spielen in kleiner Besetzung, etwa 30 Zuhörer lauschen aufmerksam. Anschließend unterhalte ich mich mit dem koreanischen Geiger, er erzählt mir von seinen Plänen und Projekten, schlägt schließlich vor, mit den anderen Musikern doch noch was trinken zu gehen. Ich komme gerne mit. Nach einigen Bieren und Falafel an einem Kreuzberger Szeneeck landen wir schließlich in einem Club ohne Namen in Neukölln. Draußen ist es kalt, drinnen ist es voll, Kondenswasser an den Scheiben. Aus den Boxen hämmert Minimaltechno unterlegt mit Tiergeräuschen, einige Mützenträger wippen mit Bierflaschen in der Hand vor dem DJ-Pult. Der Rest der Leute versucht sich schreiend zu unterhalten.
Plötzlich sehe ich ein Gesicht in der Menge, das mir bekannt vorkommt. Tatsächlich. Eine alte Schulkameradin, die ich seit wahrscheinlich 15 Jahren nicht gesehen habe. Sie hat sich eigentlich nicht sehr verändert. Erstaunlich, wen man in Berlin alles wiedertrifft. Ich dränge mich zu ihr durch und klopfe ihr auf die Schulter. Überrascht dreht sie sich zu mir, erkennt mich erst nicht, doch dann hellt sich ihr Gesicht auf und sie umarmt mich unerwartet, wobei ich einen leichten Schweißgeruch an ihr feststelle.
Sie wirkt ziemlich aufgedreht. Schreiend erklärt sie mir, dass sie jetzt ganz groß rauskommen will und dafür schon eine tolle Idee hat: ihre Autobiographie mit dem Titel „Willi Schneemann“. Der Witz dabei: sie schreibt sie im Voraus, mit Ereignissen und Erfolgen, die es noch garnicht gibt, die sie aber sukzessive, gewissermaßen rückwärts, nachliefert. Sie grinst. „Leider muss ich jetzt gehen“, brüllt sie mir ins linke Ohr, „aber ich adde dich bei Facebook.“ Sie umarmt mich nochmal kurz, aber fest und schlängelt sich durch die Menge zum Ausgang.

Samstag, 25. Januar 2014


21.12.13 (3)

Mir ist nicht nach Bier, also lehne ich ab. Er lässt nicht locker: „Komm, das ist ein besonderer Anlass, wer weiß, ob wir uns nochmal wiedertreffen.“ Es fällt mir schwer, seine Einladung abzuweisen, trotzdem verneine ich. „Ok, ok, also ich respektier das. Klar. Aber du bist so ein kontrollierter Typ, vielleicht musst du dich mal lockerer machen.“ Ich muss wieder grinsen. Die Kellnerin bringt mir eine Apfelschorle.
Er nimmt den letzten Schluck aus seinem Glas und wird plötzlich ernst. Seine Stirnfalte tritt jetzt noch deutlicher hervor. „Ich hab ne kleine Tochter, weißt Du, gerade zur Welt gekommen und mir jetzt n kleines Haus in Berlin gekauft. Hätte ich nicht gedacht, dass ich das meinen Kindern und meiner Frau mal bieten kann.“ Er blickt melancholisch zu Boden, mit den Fingern trommelt er auf dem leere Glas. Dann klingelt sein Telefon. „Ja, hallo? Ach Du bists... Nee Mutti, bin gerade im Zug... ja.. zum Dreh... ja... nee, is schlecht jetzt...“ Er legt auf, streckt mir wieder das gesprungene Display entgegen. „Das hier ist meine Tochter. Und das ist mein Haus.“ Ein ziemlich normales Reihenhaus mit rotem Ziegeldach. Der melancholische Ausdruck weicht nicht von seinem Gesicht.
Ich spüre, wie der Zug sich verlangsamt. Der Schaffner macht seine Durchsage. „Musst Du hier auch raus?“ „Ja.“ „Dann steigen wir hier zusammen aus.“ Er packt das Drehbuch in die Reisetasche, bezahlt die Rechnung bei der Kellnerin. „Hast Du noch Münzen für Trinkgeld? Ich hab nur noch n Fuffi.“ Ich lache kurz auf und lege zwei Münzen auf die weiße Tischdecke.
Der Zug hält an, die Türen öffnen sich, wir steigen aus. Er klopft mir zum Abschied auf die Schulter. „Pass gut auf Dich auf, wa?“ Ich muss ein letztes Mal grinsen. Dann verschwindet er in der Menschenmenge.

Mittwoch, 15. Januar 2014


21.12.13 (2)

Vor ihm steht ein halbleeres Bierglas, nicht sein erstes heute, sein Atem riecht stark nach Alkohol. Neben dem Bier auf der weißen Tischdecke liegt ein Drehbuch, darauf der Name eines bekannten deutschen Regisseurs. „Hier schau mal!“ er zieht sein Handy raus und zeigt mir Fotos von Vietnam. „Wie Apokalypse Now, wa?“ lacht er. Hinter dem zersprungenen Display sehe ich braunes Wasser und grünen Urwald, dazwischen einen ausgelatschten Holzsteg. „Das war am Mekong. Ich sag dir, Vietnam is echt krass!“ Er zeigt mir noch weitere Bilder: Gesichter, schwimmenden Plastikmüll, Aufnahmen vom Straßenverkehr in Ha Noi.
„Du bist Schauspieler, oder? Ich kenne Dein Gesicht.“ „ Ja, bin ich. Fahr grad zu Dreharbeiten. Das hier ist mein nächster Film“, er hält mir das Drehbuch entgegen. „Der Regisseur ist geisteskrank, ein Geisteskranker, ständig zugekokst und redet nur Müll. Ich frage ihn: wie soll ich die Rolle anlegen? Und er: jajajajaja. ja. Was soll ich damit anfagen? Mann, Alter, echt!“ er nimmt einen weiteren Schluck aus seinem Glas. „Komm, trink einen mit mir. Ich lad dich ein!“